
Das Alexandria-Quartett
von Lawrence Durrell
30.01.2026
- Klassiker
Es gibt wohl kaum ein Werk, das so stark polarisiert wie Das Alexandria-Quartett von Lawrence Durrell. Die einen vergöttern die Romane, die anderen schaffen es selten, über die ersten hundert Seiten hinauszukommen. Wie kommt das?
Moloch Alexandria
Der Schriftsteller Darley verbringt den Zweiten Weltkrieg auf einer abgelegenen griechischen Insel und blickt zurück auf seine Jahre in Alexandria. Seine Aufzeichnungen ermöglichen Einblicke in eine Metropole, die zahlreiche ambivalente Aspekte in sich vereint. Eine Stadt, in der Wohlstand und Elend fließend ineinander übergehen. In der Religion und Sünde keinen Widerspruch bilden. In der sinnliche Erfahrungen und komplizierte Beziehungsgeflechte den Alltag ihrer Bewohner bestimmen.
Zeitgleich kündigt sich der Zweite Weltkrieg an. Mit ihm strömen Spione, Diplomaten, Waffenhändler und Soldaten hinein und hinterlassen ihre Spuren. Gelingt es Darley, diesem Moloch unbeschadet zu entkommen?
Kosmopolit Durrell
Lawrence George Durrell kam 1912 in Indien zur Welt und sollte erst Jahre später seine britische Heimat kennenlernen. Doch lange hielt er es dort nicht aus – ein starres Schulsystem und eine Dichterseele passen einfach nicht zusammen. So entschied er sich, ein Leben als Kosmopolit zu führen. Während des Zweiten Weltkrieges war er unter anderem in Alexandria für die britische Botschaft tätig. Die dort gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für die vorliegenden Werke.
Seinen ersten Roman „Pied Pipers of Love“ veröffentlichte er im Jahre 1935. Wirkliche Popularität erlangte er indes erst durch das Alexandria-Quartett (1957–1960). Doch was macht diese Romane aus?
Fehlende Handlung
Das Grundkonzept ist schnell erklärt: Die ersten drei Romane erzählen mehr oder weniger dieselbe Geschichte, nur jeweils aus der Perspektive einer anderen Person. Der vierte Roman „Clea“ führt die Geschehnisse einige Jahre später fort. Inhaltlich handelt es sich je nach Perspektive um eine Mischung aus Liebesroman, Krimi oder Spionagegeschichte.
Dass ich nicht genauer werde, liegt nicht daran, dass ich nicht zu viel vorwegnehmen möchte. Es liegt daran, dass der Autor sich nicht für seine Handlung interessiert. Es passiert wirklich nicht viel, außer, dass wir verschiedene Figuren bei ihrem äußerst verworrenen Privatleben begleiten.
Unsympathisches Figurenensemble
Das Problem: Es handelt sich um durchweg unsympathische Charaktere, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Egal, aus welcher Schicht die Figuren stammen: Man betrügt und lügt ununterbrochen, Moral oder Loyalität gibt es nicht. Alle verletzen einander. Wirklich jede Figur hat mehrere Affären (gerne auch gleichzeitig) am Laufen und niemand ist damit zufrieden.
Und das Schlimmste: In ihrer Illoyalität sind alle austauschbar – eine Figur gleicht charakterlich der anderen. Die einzig (halbwegs) moralisch Handelnden sind die Hausdiener, die als nicht gerade helle Gestalten portraitiert werden.
Experimentelle Erzählansätze
Die Romane können also weder durch die Handlung noch durch die Figuren überzeugen. Doch erstaunlicherweise fällt dies nicht sonderlich ins Gewicht. Was Durrell auszeichnet, ist die Kunst, wie man eine Geschichte erzählt. Und er beherrscht sein Handwerk so gut, dass alles andere in den Hintergrund rückt.
Da sind etwa die experimentellen Erzählansätze, die uns Lesern viel abverlangen. Mal handelt es sich um (unzuverlässige) Ich-Erzähler, mal um (möglicherweise) allwissende Erzähler. Wir springen zwischen Briefen, Erinnerungen und der eigentlichen Handlung hin und her, die ohnehin nur grob chronologisch erzählt wird.
Wunderschöner Stil
Gerade die Entscheidung, dieselbe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, ist interessant. Und keine Sorge, es folgen jetzt keine Plattitüden. Natürlich ist jede Erfahrung subjektiv. Und ob uns das immer so bewusst ist – wer weiß. Aber die Vermittlung dieser Erfahrung in Literaturform ist ein interessanter Ansatz, der uns all die Erfahrungen beschert, die man sich halt so vorstellen kann.
Und ganz nebenbei kann Durrell auch schreiben: Er hat eine äußerst blumige und beinahe schon sinnliche Ausdrucksweise. Zwei Adjektive und ein sprachliches Bild pro Satz sind schon sehr wenig für seine Verhältnisse. Es geht ihm bei seinen Bildern weniger um Wissensprostitution als vielmehr um sprachliche Schönheit. Dabei schweift er gerne mal ab. Das muss man mögen.
Aber verdammt.
Selten habe ich so schöne Sätze lesen dürfen – ganz großes Kino und eine handwerkliche Meisterleistung.
Was bleibt?
Das Alexandria-Quartett von Lawrence Durrell lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Die Handlung ist nicht sonderlich komplex und das Figurenensemble durchweg unsympathisch bis widerwärtig.
Aber: Auf einer rein handwerklichen Ebene kann man die Romane nur bewundern. Es handelt sich um wunderschöne sprachliche Kunstwerke, die sich vor niemandem zu verstecken brauchen.
Ob sich die Lektüre lohnt, ist Geschmackssache. Wer Wert auf eine spannende Handlung und sympathische Charaktere legt, der wird Schwierigkeiten mit diesen Büchern haben. Wer sich hingegen für Sprache als „Kunst“ im engeren Sinne interessiert, dem könnten diese Bücher viele vergnügliche Stunden bescheren.
Bedingt überzeugende Aufmachung
Die mir vorliegende Ausgabe stammt aus dem Kampa Verlag und kann bedingt überzeugen. Bedauerlich für ein Buch dieser Preisklasse ist die Klebebindung. Der wunderschöne türkisfarbene Leineneinband vermag da nur wenig Trost zu spenden. Freuen dürfen wir uns immerhin über einen stabilen Schuber, ein Leseband und einige Bilder der Stadt Alexandria.
Auch die weitere editorische Begleitung lässt zu wünschen übrig. Erfreulich ist, dass jedem Band ein eigenes Vorwort vorangestellt wurde. Weniger erfreulich ist, dass in diesen Vorworten wichtige Handlungsabschnitte vorweggenommen werden. Ebenso betrüblich ist, dass es keinen gesammelten Anmerkungsapparat gibt. Nennt mich kleinlich, aber ich möchte meine Lesezeit nur im begrenzten Maße mit der Suche nach Anmerkungen verbringen.
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Beeindruckende Prosa
- Innovative Erzählstruktur
- Mehrschichtiges Leseerlebnis
Contra
- Zu starker Fokus auf die Form
Fazit
Das Alexandria-Quartett von Lawrence Durrell polarisiert bis heute. Wer Wert auf eine spannende Handlung und starke Figuren legt, wird mit den Romanen vermutlich nicht glücklich. Wer hingegen Sprache um ihrer selbst willen zu schätzen weiß, der wird sich für diese Bücher begeistern können.
autor: Lawrence Durrell
Titel: Das Alexandria-Quartett
Seiten: 1288
Erscheinungsdatum: 1957 – 1960
Verlag: Kampa Verlag
ISBN: 9783311240099
Übersetzer: s. o.
illustrator: –










Ich habe zwei der vier Bände zu Hause, sollte man die in Reihenfolge lesen oder glaubst du das ist egal, hätte eigentlich Lust mal einzusteigen in diese bizarre Welt 😉 Liebe Grüße, Sabine
Also ich würde die Bücher in genau dieser Reihenfolge lesen. Durrell hat sich bei der Reihenfolge etwas gedacht: Es kommt nach und nach auf verschiedenen Ebenen zu Enthüllungen und Erkenntnissen, die aufeinander aufbauen.
Wenn überhaupt, dann könnte ich mir vorstellen, Mountolive vorzuziehen. 🤔 Ideal wäre das aber nicht. Wahrscheinlich hättest du dann ein deutlich abweichendes Leseerlebnis. Auf keinen Fall würde ich mit Balthazar beginnen, damit würdest du dir Justine und Mountolive verderben.