Alessandro Manzoni - Die Brautleute

Alessandro Manzoni – Die Brautleute

Alessandro Manzonis Die Brautleute (früher auch Die Verlobten) gilt als einer der berühmtesten und auch wichtigsten Romane Italiens. Sogar in Deutschland hatte der Roman mit Goethe einen prominenten Befürworter. Grund genug sich diesen Roman einmal näher anzuschauen.

Ein Klassiker der italienischen Literatur

1628, Italien: Der junge Seidenspinner Renzo und seine Verlobte Lucia stehen kurz vor ihrer Trauung, als der Adlige Don Rodrigo ein Auge auf Lucia wirft. Das junge Paar ist gezwungen ins Ausland zu fliehen und sich zu trennen. Lucia flüchtet zunächst in ein Kloster, das allerdings nicht die Sicherheit bietet, die sie sich erhofft hat. Renzo gerät mitten in den Mailänder Brotaufstand und muss als vermeintlicher Revolutionär fliehen. Erst die große Mailänder Pest im Jahre 1630 soll die beiden wieder zusammenbringen.

Alessandro Manzonis Brautleute gehört zu den bekanntesten Werken der italienischen Literatur. Das liegt zum einen daran, dass Manzoni mit diesem Werk einen wichtigen Beitrag zur nationalen Einheit Italiens geschaffen hat. Italien war zum Erscheinen der ersten Fassung im Jahre 1827 in viele kleinere Staaten gespalten, von einer einheitlichen Sprache konnte noch keine Rede sein. Der Roman erlangte eine unerhoffte Popularität, schon im ersten Jahr gab es zahlreiche Auflagen und Raubdrucke. Manzoni sah die Gelegenheit, übersetzte seinen eigenen Roman in jahrelanger Arbeit in die toskanische Hochsprache und leistete so seinen Beitrag zur sprachlichen Einheit Italiens. Die Wirkung des Romans lässt sich wohl am ehesten mit der Luther-Übersetzung in Deutschland vergleichen. Noch heute wird der Roman in italienischen Schulen gelesen und erleidet dort wohl das gleiche Schicksal wie die Buddenbrooks in Deutschland.

Filmische Erzählweise

Überraschend ist angesichts dieser historischen Bedeutung der moderne Schreibstil Manzonis, der die achthundert Seiten Handlung wie im Fluge vergehen lässt. Wie der Übersetzer Kroeber betont, hat Manzoni eine sehr filmische Erzählweise. Er beginnt seine Szenen mit detaillierten Beschreibungen der Umgebung, wendet sich dann seinen Figuren zu und beginnt erst danach die Handlung. Seine Beschreibungen sind dabei sehr genau, unnötige Details oder Ausschmückungen kommen bei ihm nur sehr selten vor.

Manzoni gibt schon auf den ersten Seiten vor, eine kaum lesbare Abschrift einer Erzählung gefunden zu haben, die er nun in eigene Worte fasst und erzählt. Aus dieser Perspektive führt er mit einem subtil ironischen Unterton durch die Erzählung, schildert wenn nötig, das Innenleben und die Gedanken der Figuren und kann auch innerhalb einer Szene hin und her springen. Mehr als einmal begegnen die Protagonisten einer Person, deren ganze Lebensgeschichte anschließend vor uns ausgebreitet wird. Danach folgen wir dieser Person in der Handlungsgegenwart, bis die Geschichte wieder zu den beiden Verlobten wechselt. Diese häufigen Perspektivwechsel sorgen für Abwechslung und ermöglichen es dem Autor, das ganze gesellschaftliche Panorama Italiens und insbesondere Mailands zu schildern.

Die Geschichte der Brautleute Renzo und Lucia bildet nur den Rahmen für dieses Panorama. Ihre Geschichte ist schnell erzählt, sie sind weder im Mittelpunkt noch tragende Akteure: In allen Szenen sind sie nur Spielbälle höherer Kräfte. Ihre spärliche Geschichte ist nur ein Vehikel, um Perspektivenwechsel einzuleiten und verschiedenste Aspekte dieser Epoche auszuloten.

Eindimensionale Charaktere

Mit diesem Wissen verzeiht man dem Autor auch die blassen und eindimensionalen Charaktere. Sie bleiben alle auf wenige Eigenschaften beschränkt und machen bis auf Renzo keine Entwicklung durch: Lucia bleibt die ganze Zeit ein Mauerblümchen, Pater Abbondio ein Feigling und Don Rodrigo der böse Adelige.

Großartige Szenen

Dafür entschädigen allerdings auch großartige Szenen. Ob es nun die gescheiterte erzwungene Trauung, die Kutschfahrt Antonios Ferrers während der Brotunruhen oder die Schilderung der Pest im Jahre 1630 sind – der Roman steckt voller großartiger Szenen. Und auch wenn sich der Autor in den Schilderungen der Pest ein wenig verliert, tut es dem Lesegenuss keinen Abbruch. Gerade in unseren gegenwärtigen Corona Zeiten wirken seine Worte so aktuell wie nie zuvor.

Wunderschöne Dünndruckausgabe

Die Ausgabe des Hanser Verlages entspricht dem gewohnten Klassiker Standard. Die Dünndruckausgabe ist in Leinen gebunden und bietet neben der obligatorischen Fadenheftung natürlich ein Titelschild und ein Leseband. Das Vorsatzpapier besteht aus einer Karte, die das Herzogtum Mailand im Jahre 1620 darstellt. Wie gewohnt gibt es ein kurzes Nachwort des Übersetzers Burkhart Kroeber, welches sowohl den Roman würdigt, als auch seine Herangehensweise an die Übersetzung erläutert. Die knapp 40 Seiten Anmerkungen zum Text, vom Autor und vom Übersetzer, helfen beim Verständnis der laufenden Lektüre.

Fazit

Die Brautleute von Alessandro Manzoni ist ein überraschend modern geschriebener Roman mit vielen beeindruckenden Passagen. Nicht umsonst war bereits Goethe begeistert, dieses Werk hat zu Recht Jahrhunderte überdauert!


Autor: Alessandro Manzoni

Titel: Die Brautleute

Seiten: 920

Erscheinungsdatum: 1827

ISBN: 9783446198746

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzer: Burkhart Kroeber

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