
Die Augen der Galaxis
von Adrian Tchaikovsky
11.03.2023
- Science-Fiction
Mit Die Augen der Galaxis legt Adrian Tchaikovsky den zweiten Band seiner Architekten-Trilogie vor. Gelingt es ihm, an das hohe Niveau des Vorgängers anzuknüpfen?
Das Universum in Aufruhr
Warnung: Es handelt sich im Folgenden um eine Rezension des zweiten Teils (Eyes of the Void) der Architekten-Trilogie. Auch wenn ich mich bemühe, möglichst abstrakt über entscheidende Ereignisse und Wendungen des ersten Teils zu schreiben, muss ich an einigen Stellen konkret werden. Wer also Interesse an dieser Trilogie hat (Warum solltet ihr auch sonst diese Rezension lesen?) und den ersten Teil noch nicht gelesen hat, sollte allenfalls zum Ende springen und es (noch besser) bei meiner ersten Rezension bewenden lassen. Leser des ersten Bandes hingegen können unbekümmert weiterlesen.
Nach Jahren des Friedens sind die Architekten zurück! 80 Jahre nach ihrem plötzlichen Verschwinden fahren die mondgroßen Lebewesen mit ihrem zerstörerischen Werk fort und formen ganze Planeten ohne Rücksicht auf die heimischen Lebensformen zu gigantischen Skulpturen um.
Dieses Mal ist etwas anders: Früher boten Artefakte der geheimnisvollen Originatoren einen verlässlichen Schutz. Nun haben die Architekten einen Weg gefunden, diese zu überwinden. Keine Lebensform ist mehr sicher. Die verschiedenen Völker sind gezwungen, zusammenzuarbeiten, um zu überleben. Doch sind sie wirklich willens, ihre Differenzen beiseitezulegen?
Unser Held Idris befindet sich dabei in einer schwierigen Situation: Nachdem er sich dem Parthenon angeschlossen hat, um einen menschenwürdigen Weg zur Erschaffung von Intermediären zu finden, gilt er in den menschlich beherrschten Teilen der Galaxis als persona non grata. Dennoch herrscht immer noch reges Interesse an seiner Person, scheint er doch der Schlüssel im ungleichen Krieg zu sein.
Als ein Architekt den Planeten Arc Pallator angreift, eröffnet sich eine einmalige Gelegenheit: Die Originatoren-Technologien auf dem Planeten verlangsamen den Umformungsprozess um Wochen. Erstmals besteht die Möglichkeit, diesen Prozess genauer zu erforschen. Das Problem? Idris und die Crew der Geiergott müssten sich dazu mit ihren erbittertsten Feinden zusammentun …
Unterdessen befindet sich die Karriere des Geheimagenten Havaer auf dem absteigenden Ast. Seitdem er Idris auf Berlenhof entkommen lassen hat, muss er sich mit dreckigen und wenig ruhmreichen Aufträgen herumschlagen. Dabei kommt er einer Verschwörung auf die Schliche, die den Frieden zwischen den Völkern der Galaxis bedroht …
Einfacher Einstieg
Schon der erste Band war überfrachtet mit zahlreichen Figuren, Ideen, Völkern, politischen Gruppierungen und zahllosen Action-Szenen. Als Leser konnte man nur schwer den Überblick behalten. Es handelt sich um einen Umstand, der den Wiedereinstieg leicht erschweren könnte.
Tchaikovsky wirkt diesem Effekt entgegen, indem er im ersten Drittel des Romans ein recht gemächliches Erzähltempo einschlägt. Die Handlung setzt einige Monate nach dem Ende des ersten Teils an und wir bekommen zunächst Zeit, um uns wieder einzufinden.
Als überaus hilfreich erweisen sich die vielen eingestreuten Erklärungen sowie der umfangreiche Anhang. Hinzu kommt die klare, von einfachen Satzkonstruktionen und vielen Dialogen geprägte Prosa des Autors. Angesichts der Weite und Komplexität von Tchaikovskys-Kosmos stellt es eine wahre Wohltat dar, zumindest in dieser Hinsicht vor keiner Herausforderung gestellt zu werden.
Zudem werden viele Aspekte des ersten Teils wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Nachdem wir einen Überblick über die Strukturen bekommen haben, gehen wir nun einen Schritt weiter. So bekommen wir unter anderem tiefere Einblicke in die Lebensverhältnisse der nicht-menschlichen Lebensformen, allen voran der Schwarmer, der Essiel oder auch der Naeromathi.
Das Misstrauen wächst
Dieses Wissen ist auch bitter nötig. Es hilft uns dabei, zu verstehen, warum sich die verschiedenen Gruppierungen so unterschiedlich verhalten und welche Schwierigkeiten der Zusammenarbeit entgegenstehen. Das im ersten Band noch prägende und immer noch relevante Flüchtlingsthema wird weitestgehend von politischen Ränkespielen verdrängt. Die vorübergehende Solidarität ob des gemeinsamen Feindes weist immer mehr Risse auf. Die Auswirkungen dieser Differenzen reichen von einem generellen Misstrauen hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen.
Erschwert wird dieser Konflikt durch die fehlende Möglichkeit der Kommunikation. Natürlich gibt es Dolmetscher. Doch die Lebens- und Denkweisen sind so unterschiedlich, dass jede Übersetzung nur eine Annäherung an die Wahrheit darstellen kann. Wer schon einmal einen Text in eine andere Sprache übersetzt hat, weiß, wie gravierend die Unterschiede ausfallen können. Wie mag sich dies erst bei unterschiedlichen Lebensformen darstellen? Die Folge ist, dass eine Zusammenarbeit nahezu unmöglich ist.
Nirgendwo wird die unzureichende Kommunikationsfähigkeit deutlicher als bei den Nachforschungen von Idris. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es gelingt ihm, neue Erkenntnisse in Bezug auf den Unraum und die Architekten zu gewinnen. Diese Erkenntnisse kann er jedoch nicht adäquat in menschliche Worte fassen. An diesen Stellen erinnert der Roman beinahe schon an Lovecrafts kosmisches Grauen. Die Parteien nehmen dieselben Informationen anders wahr und treffen auch aus diesem Grund unterschiedliche Entscheidungen. Aufgelockert wird diese Problematik durch die abermals hervorragend choreographierten und abwechslungsreichen Action-Szenen.
Sympathisches Figurenensemble
Eine der großen Stärken des ersten Bandes war das brillante Figurenensemble. Daran hat sich auch in diesem Band nichts geändert. Insbesondere die Crew der Geiergott zaubert uns mit ihrer ruppigen und charmanten Art immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Erfreut kann man dabei feststellen, dass Tchaikovskys Figuren nicht stehen bleiben, sondern Entwicklungen durchlaufen. Zudem erhalten interessante Charaktere wie Olli oder Kris deutlich mehr Raum.
Auch die Hauptfigur Idris durchläuft eine äußerst positive Entwicklung. Im ersten Band stellte er einen weinerlichen Schwächling dar, der von allen Parteien hin und her bewegt wurde. Hier entwickelt er sich zu einem trotzigen Schwächling (immerhin!), der das Hin- und Herbewegen für sich auszunutzen lernt und seine Rolle innerhalb dieses Konflikts endlich akzeptiert.
(Galgen-)Humor
Flüchtlingsströme, Mangelernährung und kriegerische Konflikte stellen ernsthafte Motive dar und bieten wenig Anlass zum Lachen. Generell romantisiert Tchaikovsky das Raumfahrerleben nicht, sondern stellt auch die Schattenseiten (und davon gibt es viele) explizit dar. Ohne einen Schutzmechanismus in Form eines trockenen Humors würde es (nicht nur den Romanfiguren) schwerfallen, die Geschehnisse zu ertragen.
Daneben versteht es Tchaikovsky, immer wieder komische Situationen einzubauen. Etwa wenn die Kriegerfrauen des Parthenons über dramatische Wendungen in futuristischen Telenovelas diskutieren. Oder wenn eine ehemalige KI auf ihren einstigen Besitzer und nun erbittertsten fachlichen Konkurrenten trifft.
Typischer Mittelband
Der zweite Band einer Trilogie weist in der Regel die größten Schwächen auf. Es liegt in der Natur des Konzepts, dass ein Autor hier einen schwierigen Spagat wagen muss. Einerseits muss er die Leser bei Laune halten, andererseits darf er nicht den abschließenden Band überflüssig machen.
Und hier liegt das Problem: Zwar erfahren wir mehr über die Architekten. Aber einer wirklichen Lösung des Konflikts nähern wir uns nicht an – diese bleibt dem abschließenden Band vorbehalten. Vielmehr beschränkt sich Tchaikovsky darauf, uns mit wenigen Informationshäppchen abzuspeisen und den entscheidenden Abschlussband vorzubereiten.
Was bleibt?
Die Augen der Galaxis von Adrian Tchaikovsky ist ein hervorragender Science-Fiction-Roman, der durch sympathische Charaktere, eine faszinierende Hintergrundwelt und packende Action-Szenen überzeugen kann. Den Charakter eines Mittelbandes kann er dennoch nicht verleugnen, zu dünn sind letztlich die gewonnenen Erkenntnisse.
Handelsübliches Paperback
Rein äußerlich handelt es sich um ein handelsübliches Paperback aus dem Heyne Verlag, das im Vergleich zu preislich ähnlichen Paperbacks weder hervorsticht, noch negativ auffällt. Das Covermotiv von Steve Stone sticht nicht hervor. Immerhin sorgen Schrift und Farben für ein einigermaßen seriöses Erscheinungsbild.
Darüber hinaus kann der von Irene Holicki übersetzte Band durch einen umfangreichen Anhang begeistern. Neben einem Glossar und einer Übersicht der auftauchenden Protagonisten erleichtert vor allem die umfangreiche Zeitlinie den Wiedereinstieg.
Pro/Contra
Pro
- Sympathische Protagonisten
- Vielfältige Welt mit faszinierenden Ideen
- Hervorragend choreographierte Action-Szenen
Contra
- Typische Erkrankungen eines „Mittelbandes“
Fazit
Die Augen der Galaxis von Adrian Tchaikovsky ist ein exzellenter Science-Fiction-Roman, der die Stärken des ersten Bandes ausbaut. Aber auch an den typischen Schwächen eines Mittelbandes leidet. Wer vom ersten Band überzeugt war, wird hier dennoch seine Freude haben!
autor: Adrian Tchaikovsky
Titel: Die Augen der Galaxis
Seiten: 688
Erscheinungsdatum: 2023
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453321830
Übersetzerin: Irene Holicki
illustratoren: –
Reihe: Architekten-Trilogie (2)
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt










Sehr gut geschrieben!
Vielen Dank!