Auf einer Holzfläche liegt ein Fantasybuch mit dem Titel „Der Weg der Vergessenen“ von Nick Martell. Auf dem Cover ist in Blau eine Stadtlandschaft abgebildet, von der eine Gestalt weggeht.

Der Weg der Vergessenen

von Nick Martell


29.07.2023

  • Fantasy

Mit Der Weg der Vergessenen liegt der dritte und abschließende Band der Söldnerkönig-Trilogie von Nick Martell vor. Kann der Autor die Reihe damit zu einem würdigen Abschluss führen?

Was bist du bereit zu opfern?

Kaum hat Mikael Königsmann den Ruf seiner Familie hergestellt, steht er vor einer Reihe von neuen Herausforderungen.

Um das Königreich Kessel vor einer riesigen Rebellenarmee zu retten, sah sich seine große Liebe Prinzessin Serena gezwungen, eine politische Ehe mit dem mächtigen Königreich Vargo einzuleiten. Mikael steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er der Liebe seines Lebens für immer entsagen oder nach seinem persönlichen Glück streben? Auch wenn dies den Tod aller Menschen, die ihm wichtig sind, bedeuten würde?

Gleichzeitig positionieren sich mit den legendären Wolfskönigen und Schwartz und Angelo Ombra mächtige Spieler. Und wieder einmal scheint unser Königsmann eine entscheidende Rolle in ihren Plänen zu spielen. Gelingt es Mikael, die Oberhand zu gewinnen, oder ist er nur eine Figur auf dem Spielbrett größerer Mächte?

Der Abschluss der Trilogie

Die Söldnerkönig-Trilogie hat bislang einen durchwachsenen Eindruck hinterlassen. Die Romane sind ohne Frage Pageturner, denen man einen gewissen Unterhaltsfaktor nicht absprechen kann. Insbesondere die kreativen Ideen-Feuerwerke des Autors können überzeugen.

Diese grenzenlose Kreativität ist gleichzeitig auch die Achillesferse der Reihe. Bislang gelang es dem Autor nicht, seine Ideen zu kanalisieren und in ein überzeugendes Gesamtkonstrukt zu integrieren. Gelingt es Martell, das Ruder mit dem letzten Band noch herumzureißen?

Ein größeres Setting

Nachdem die Stadt Kessel als alleiniger Schauplatz der ersten beiden Bände diente, wagt Nick Martell einen längst überfälligen Schritt: Er verlässt die Stadt und lässt uns jene Orte aufsuchen, die zuvor so hoffnungsvoll und verlockend erschienen.

Unglücklicherweise übernimmt sich Martell. Wir hetzen unentwegt auf Land- und Seewegen. Besuchen Städte, Inseln und mysteriöse Orte, ohne uns längere Aufenthalte zu genehmigen. Die gut 700 Seiten reichen bei Weitem nicht aus, um die jeweiligen Eigenheiten näherzubringen. So bleiben die Orte beliebig austauschbare Schauplätze und nicht mehr als leere Namen.

Ein altbekanntes Problem

Im Grunde handelt es sich um ein Symptom eines größeren und bereits bekannten Problems. Martell verfügt über eine große Vorstellungskraft und viele interessante Ideen. Leider schafft er es nicht, diese in ein übergreifendes Konzept zu integrieren. Neue Aspekte werden ohne Rücksicht auf bestehendes integriert.

Im vorherigen Band gab es keine gravierenden Konsequenzen. Die allenfalls leichten Widersprüche verwässerten zwar einige Konzepte, verdarben aber nicht die Reihe als solche. Die Änderungen des dritten Bandes hingegen schaden der Reihe nachhaltig.

Nick Martell gelingt es, tragende Strukturen und Konzepte zu zerstören. So verdirbt er unter anderem sein Magiesystem, beginnt zahlreiche neue Handlungsstränge, die er nicht beendet und versucht insgesamt, zu viel Stoff auf zu wenigen Seiten zu pressen.

Handwerklich solide

Begann der erste Band noch mit einem alleinigen Ich-Erzähler, so spielt dieser Band mit unterschiedlichen Ansätzen. Wir erleben einige Kapitel aus anderen Perspektiven und in einer Szene wendet sich der Erzähler sogar an die Leserschaft.

Positiv ist das hohe Erzähltempo zu vermerken. Dass die gut 700 Seiten wie im Flug vergehen, liegt auch daran, dass Martell auf jeder Seite die Handlung vorantreibt. Zudem dürfen wir uns über deutlich mehr Action und abwechslungsreichere Szenarien freuen.

Leider bewegen sich die zahlreichen Dialoge inhaltlich und stilistisch auf Soap-Niveau. Die Konflikte könnten aus einer spanischen Telenovela stammen. Und unabhängig von den Charakteren wirkt es so, als ob kleine Kinder miteinander sprechen.

Schwacher Hauptcharakter

Dies gilt insbesondere für unseren Protagonisten Mikael. Während er in den ersten beiden Bänden einen Reifeprozess durchlief, kommt der quengelige und wehleidige Jugendliche nun mit voller Wucht zurück.

Die Konflikte laufen nach einem Muster ab: Mikael versichert uns und seinen Gegnern mehrfach, wie stur und dickköpfig er doch sei. Und dass dies alleine ausreiche, um Jahrhunderte an Erfahrung und Fähigkeiten auszugleichen. Wie man sich denken kann, reicht das natürlich wirklich aus. Die einzige Antwort, die er kennt, ist also: Wenn ich nur laut genug schreie, dann bekomme ich, was ich will. Ein Konzept, das in einem gewissen Alter funktionieren mag, aber überhaupt nicht mehr zu dieser Romanfigur passt.

Angesichts dessen fallen die zahlreichen Widersprüche gar nicht mehr so stark ins Gewicht. So spielen beispielsweise Abstammung und Familie mal überhaupt keine Rolle. Dann wiederum sind sie Quelle seiner Kräfte in physischer und psychischer Hinsicht. Und über die letzte Enthüllung werfen wir lieber einen Mantel des Schweigens.

Unglaubwürdige Liebesgeschichte

Gleiches gilt für die unglaubwürdige Liebesbeziehung zwischen Mikael und Serena. Zunächst bestand keine Verbindung und auf einmal soll es sich um die größte Liebe aller Zeiten handeln. Eine schwache Liebesgeschichte ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist es, wenn die ganze Handlung auf dieser vermeintlich großen und einzigartigen Liebe basiert.

Unbefriedigendes Ende

Über die anderen Charaktere lässt sich nicht viel Besseres sagen. Ihre Auftritte beschränken sich auf Momentaufnahmen. Kaum ein Handlungsstrang wird zu einem befriedigenden Ende geführt. Stattdessen führt Martell wieder zahllose weitere Charaktere ein und neigt zu großen Reden und Szenen. Nur um am Ende alle Türen offen und die Konsequenzen möglichst gering zu halten.

Dass wichtige Figuren in den nächsten Bänden zu bedeutungslosen Statisten verkommen, ist scheinbar gewollt, aber für die Leser enttäuschend. Zudem sterben erstaunlich wenige Figuren und wenn, dann nur unbedeutende Nebenfiguren. Und selbst bei diesen wirkt dies aufgrund der letzten Szenen nicht einmal ansatzweise dramatisch oder bedeutungsvoll.

Insgesamt verbleibt der Eindruck, dass der Autor den Roman mit voller Absicht so gestaltet hat. Anstatt die Trilogie zu einem befriedigenden Abschluss zu führen, scheint es sich um die Vorbereitung eines viel größeren Romanuniversums zu handeln. Ein solches wäre jedenfalls nötig, um alle offenen Handlungsstränge zu beenden.

Was bleibt?

Nick Martell beherrscht grundlegende handwerkliche Fähigkeiten und kann sich vor interessanten und romanwürdigen Ideen gar nicht retten. Diese sind der einzige Grund, um an der Stange zu bleiben und die Lektüre trotz aller Widersprüche zu beenden. Insgesamt handelt es sich um einen soliden und durch und durch mittelmäßigen Roman.

Hätte sich der Autor die Zeit genommen und eine einheitliche und stringente Hintergrundgeschichte entworfen, dann hätte man ihm die stümperhaften Dialoge verzeihen können. So verbleibt nur die Enttäuschung ob des ungenutzten Potentials.

Schönes Cover – Verbesserungen im Lektorat

Die Ausgabe des Blanvalet Verlags entspricht rein äußerlich den vorherigen Bänden. Die verwendeten Materialien werden den Anforderungen an die Preisklasse gerecht und das Covermotiv ist ansprechend gestaltet und macht neugierig. Im Inneren finden wir eine Karte der Stadt Kessel. Was in diesem Fall keinen Sinn ergibt, da bis auf einige wenige Seiten kaum Handlung in dieser Stadt stattfindet.

Die Übersetzung stammt von Urban Hofstetter und stellt – bis auf das Problem der eingedeutschten Namen – eine souveräne Arbeit dar. Das Lektorat hat sich deutlich verbessert. Nach der katastrophalen Arbeit im zweiten Band hat man sich nun scheinbar die Zeit für einige Kontrollgänge mehr genommen.

Pro/Contra

Pro
  • Hohes Erzähltempo
  • Zahlreiche spannende Ideen
Contra
  • Fehlendes übergeordnetes Konzept
  • Dialoge auf Soap Niveau
  • Charaktere benehmen sich wie kleine Kinder

Fazit


Der Weg der Vergessenen von Nick Martell stellt einen durch und durch mittelmäßigen Roman dar, der wütend ob des ungenutzten Potentials macht. Nach dem vielversprechenden Auftakt eine große Enttäuschung.

autor: Nick Martell

Titel: Der Weg der Vergessenen

Seiten: 736

Erscheinungsdatum: 2023 (2022)

Verlag: Blanvalet Verlag

ISBN: 9783734162213

Übersetzer: Urban Hofstetter

illustratoren: –

Reihe: Die Söldnerkönig-Saga (3)

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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