Ein gebundenes Buch mit dem Titel "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers liegt auf einer hellen Holzfläche.

Die Stadt der Träumenden Bücher

von Walter Moers


20.03.2026

  • Phantastik

Der vierte Zamonien-Roman Die Stadt der Träumenden Bücher (2004) sicherte Walter Moers endgültig einen Platz am deutschen Literaturhimmel. Was macht den Roman heute noch so gut?

Kein Herz für Kamillentee

Jedes Kind kennt heutzutage den erfolgreichen Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz. Dies war nicht immer der Fall. Mit knapp siebzig Jahren lebte er als ungestümer Lindwurm-Jüngling in den Tag hinein und träumte nur von einer großen Dichterkarriere. Doch dann vermacht ihm sein Dichterpate Danzelot von Silbendrechsler am Totenbett das perfekte Manuskript.

Hildegunst macht sich auf die Suche nach dem unbekannten Verfasser. Seine Reise führt ihn nach Buchhaim, dem Sehnsuchtsort bibliophiler Leser. Dort erregen seine Nachforschungen die Aufmerksamkeit mächtiger Persönlichkeiten. Schon bald verfängt er sich in einem Netz aus Lügen und Intrigen und gerät selbst in Gefahr.

Der populärste Zamonien-Roman

Mit Die Stadt der Träumenden Bücher veröffentlichte Walter Moers 2004 seinen vierten Roman im Zamonien-Kosmos. Wenige Jahre zuvor feierte die populäre Figur des Lindwurm-Schriftstellers Hildegunst von Mythenmetz in Ensel und Krete (2000) ihren ersten Auftritt – indes sind Vorkenntnisse nicht notwendig. Das Buch war ein voller Erfolg und sicherte den Zamonien-Romanen endgültig einen festen Platz in der deutschen Literaturlandschaft. Was macht dieses Buch richtig – und was nicht?

Unterhaltsam und Abwechslungsreich

Die Handlung ist schnell erklärt: Unsere Hauptfigur macht sich auf die Suche nach einem unbekannten Schriftsteller und stößt dabei auf Hindernisse und Ungereimtheiten. Doch nach kurzer Zeit wird klar: Dies bildet nur den Auftakt eines größeren Abenteuers, das uns bis in die tiefsten Katakomben Buchhaims führen wird. Das Ganze wird zwar unterhaltsam und wendungsreich inszeniert.

Wirklich spannend wird es jedoch selten, da wir von Anfang an wissen, dass Mythenmetz seine Abenteuer überleben wird. Dafür wird der Plot durch zahlreiche unterhaltsame und abwechslungsreiche Nebengeschichten angereichert. Diese tragen erstaunlich oft zur eigentlichen Geschichte bei, auch wenn sich dies in einigen Fällen erst spät offenbart.

Eine Stadt für Buchliebhaber

Doch die Handlung ist ohnehin nur Nebensache. Heimlicher Held ist die Stadt Buchhaim. Und mit ihr die Liebe zur Literatur in all ihren denkbaren Ausprägungen. Moers zeichnete sich immer schon durch seinen Einfallsreichtum aus, sodass wir im Minutentakt in den Genuss neuer Ideen und Einfälle kommen. Dabei handelt es sich um eine Mischung bekannter und neuer Elemente – sowohl Fans, als auch Neueinsteiger werden sich direkt wohlfühlen.

Freuen dürfen wir uns unter anderem auf den Nachtschatten, die Bücherjäger, Buchlinge (!), Trompaunen-Konzerte und lebendige Bücher. Unser Autor nimmt sich gebührend Zeit, um uns die Eigenheiten der Stadt nahezubringen. Es handelt sich um eine ebenso faszinierende wie gefährliche Welt, von der Literaturbegeisterte nur träumen können. Mit mehr Antiquariaten und Bibliotheken als Einwohnern. Voller Autoren, Verleger, Agenten, Bücher, Leser, Händler und – eine zwielichtige Gattung – Buchkritiker.

In der an der Oberfläche Lesungen stattfinden, während in den jahrhundertealten Katakomben professionelle Bücherjäger um bibliophile Kostbarkeiten kämpfen. Nur widerwillig verlassen wir die vielen interessanten Nebenschauplätze, wenn sich unser Autor für profane Dinge wie die Handlung zu interessieren beginnt. Moers verarbeitet den gesamten Literaturbetrieb auf seine humorvolle, aber stets respektvolle Art und Weise. Und hat damit eine der schönsten Liebeserklärungen an die Literatur überhaupt verfasst.

Mythenmetz im Fokus

Auch das Figurenensemble kann sich sehen lassen. Wieder einmal haben wir es mit einer Reihe von schrägen und sympathischen Figuren zu tun. Allerdings sorgt die Ich-Perspektive dafür, dass wir uns stark auf unsere Hauptfigur konzentrieren müssen. Andere Figuren kommen dadurch nicht so zur Geltung, wie sie es eigentlich verdient hätten – man denke nur an die Buchlinge. Immerhin ist Hildegunst in seinen jungen Jahren alles andere als ein Vorzeigeheld. Trotz seiner geringen Lebenstauglichkeit gewinnt er mit seiner offenen und bibliophilen Art unsere Herzen und kann den Roman auch allein tragen.

Humorvoll, aber mit Längen

In handwerklicher Hinsicht handelt es sich bei Moers um einen begnadeten Schriftsteller. Der ein unglaubliches Gespür für Sprache und ihre Möglichkeiten besitzt und gewillt ist, diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen. So sorgen zahlreiche Wortspiele, Wortwitze, grandiose Dialoge, unterhaltsame Anagramme und epochale Aufzählungen für unzählige Lacher und unterhaltsame Szenen.

Moers greift bei der Figur des Mythenmetz zu einem kleinen Trick: Er tritt nicht als Autor, sondern als mitteilungsbedürftiger Übersetzer auf und bringt damit eine zusätzliche Ebene ein, die erfrischende Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet. Einziger Wermutstropfen: Bisweilen geht ihm dadurch aber die Kontrolle über das ohnehin gemächliche Erzähltempo verloren. Mythenmetz neigt zu ausschweifenden Ausführungen (Mythenmetzsche Abschweifungen), die für deutlich mehr Längen als üblich sorgen.

Was bleibt?

Die Stadt der Träumenden Bücher ist ein Meisterwerk, das jede bibliophile Leserin begeistern wird. Walter Moers begeistert mit unzähligen kreativen Einfällen, sympathischen Charakteren und der allgegenwärtigen Liebe zur Literatur. Da fallen einige wenige Längen nicht weiter ins Gewicht. Eine in Romanform gegossene Liebeserklärung an die Literatur, die bereits jetzt schon Kultstatus besitzt.

Liebevolle Ausstattung

Meine Ausgabe stammt noch aus dem Piper Verlag (aktuelle Auflagen: Penguin Verlag) und bietet eine gewohnt hochwertige Ausstattung. Das größere Format sorgt dafür, dass die Illustrationen des Autodidakten Walter Moers ausreichend Raum zur Entfaltung haben. Zudem begeistert der Schutzumschlag durch eine markante und strukturierte Oberfläche. Eine Leseband komplettiert das gelungene Bild.

Im Inneren dürfen wir uns trotz Klebebindung über viele kleine Details freuen. So begeistern neben den allgegenwärtigen Illustrationen ein bedruckter Vorsatz bzw. Nachsatz. Die Handlung und der Satz gehen Hand in Hand und sorgen für ein rundes Leseerlebnis.

Pro/Contra

Pro
  • Wunderschöne und stimmungsvolle Illustrationen
  • Ein Feuerwerk an kreativen Einfällen
  • Spielerischer Umgang mit Sprache
Contra
  • Stellenweise sehr ausschweifend

Fazit


Bei Die Stadt der Träumenden Bücher von Walter Moers handelt es sich um eine in Romanform gegossene Liebeserklärung an die Literatur. Jetzt schon ein Klassiker.

autor: Walter Moers

Titel: Die Stadt der Träumenden Bücher

Seiten: 464

Erscheinungsdatum: 2004

Verlag: Piper Verlag

ISBN: 9783492045490

Übersetzer: –

illustrator: Walter Moers

Reihe: Zamonien (4)

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