
Das Haus verlassen
von Jacqueline Kornmüller
18.06.2026
- Gegenwartsliteratur
In der Novelle Das Haus verlassen von Jacqueline Kornmüller wird eine Frau mit den vielfältigen Schwierigkeiten des Hausverkaufs konfrontiert.
Aller Abschied fällt schwer
Unsere Erzählerin lebt seit gut zehn Jahren in einem alten Feldsteinhaus in der Steiermark. Bevor sie das 140 Jahre alte Haus kaufte und restaurierte, war es im angrenzenden Dorf nur als Bruchbude bekannt. Nun ist es ihre Heimat und bietet alles, was man zum guten Leben benötigt.
Doch mit der Zeit fühlt sie sich auf dem Land nicht mehr wohl. Nachbarschaftsstreitigkeiten und politische Entwicklungen machen ihr zu schaffen. Es ist Zeit für etwas Neues. Eine Annonce im Internet wird geschaltet und schon bald trudeln die ersten Interessenten ein. Doch der Abschied fällt schwerer als gedacht …
Von der Bühne zum Buch
Jacqueline Kornmüller ist eigentlich als (Theater-)Regisseurin bekannt. Bei der Inszenierung eines Werks von Murakami kam sie mit Kat Menschik in Kontakt und präsentierte ihr einige Zeit später ihre literarischen Gehversuche. Menschik war begeistert und machte diese kleine Erzählung zum 17. Band ihrer Illustrierten Lieblingsbücher. Doch lohnt sich die Lektüre aus literarischer Sicht?
Keine Überraschungen auf Handlungsebene
Jacqueline Kornmüller macht mit ihrer Novelle zunächst vieles richtig. Auf der Handlungsebene erwarten uns keine Überraschungen: Eine Frau möchte nicht mehr auf dem Land leben und deswegen ihr Haus verkaufen. Doch als nach und nach Interessen auftauchen, kommen Zweifel auf. Wie die Geschichte dann endet, kann sich jeder selbst denken. Geführt werden wir durch die Erzählung von einer Ich-Erzählerin, die das Geschehen ausschließlich aus ihrer Innensicht beschreibt.
Für Abwechslung sorgt die Autorin, indem sie dem Haus eine Persönlichkeit verleiht und es mit unserer Erzählerin kommunizieren lässt. Das verdeutlicht auch, wer der eigentliche Star der Erzählung ist: das alte Haus. Ausführlich und liebevoll schildert Kornmüller die Eigenheiten, Vorzüge, aber auch die kleinen Macken, die ihr Haus – ihre Heimat – ausmachen. Wir Leser können dadurch nachvollziehen, warum die Erzählerin an diesem Ort hängt und warum sie ihm so viel Aufmerksamkeit schenkt.
Humorvolle Verkaufsgespräche
Weite Teile der Handlung machen die Gespräche mit potentiellen Käufern aus. Dabei gelingen der Autorin humorvolle Szenen. Sie schildert das unterhaltsame Verhalten (Frager, Frau Salz, Diamanthändler) und wie unterschiedlich die Erwartungen an ein Eigenheim sein können. Man kann sich leicht vorstellen, wie viel Raum für Komik hier besteht – insbesondere, wenn das Haus selbst das Geschehen kommentieren darf.
Handwerklich macht unsere Schriftstellerin wenig falsch. Wenn man etwas kritisieren möchte, dann die fehlende einzigartige Erzählstimme – das ist aber nichts Ungewöhnliches für ein literarisches Debüt. Potential für mehr besteht jedenfalls. Alles in allem hätte hierbei eine locker-leichte und humorvolle Erzählung über ein faszinierendes Haus herauskommen können.
Oberflächliche Botschaften
Bedauerlicherweise überfrachtet Kornmüller ihre Erzählung mit oberflächlichen politischen Botschaften, die in dieser Kürze nur missverstanden werden können. Ihre – gut gemeinten – Äußerungen beschränken sich auf die Wiedergabe von Klischees über die Landbevölkerung. Verächtlich setzt sie die Dorfbewohner herab („Geier“) und möchte sich gar nicht mit ihnen auseinandersetzen. Sie weiß als letzte Stimme der Vernunft im Dorf (Little Britain lässt grüßen …) einfach alles besser.
Und wenn die anderen das nicht verstehen, dann sind sie wohl einfach zu dumm. Eine engstirnige Person wirft anderen Leuten Engstirnigkeit vor. Ob das berechtigt ist, kann ich nicht beantworten. Aus einer literarischen Perspektive zerstören diese Abschnitte die ansonsten lockere und humorvolle Atmosphäre. Kornmüller möchte einfach zu viel in eine zu kurze Erzählung packen und gibt am Ende keinem Element genügend Raum. Ein Buch, das tiefgründig sein möchte, aber nur an der Oberfläche schwimmt.
Was bleibt?
Das Haus verlassen von Jacqueline Kornmüller möchte zu vieles gleichzeitig sein und lässt deswegen den einzelnen Elementen ihrer Erzählung keinen Raum zur Entfaltung. Mit ein wenig mehr Fokus auf literarische Aspekte wäre hier viel mehr möglich gewesen. Handwerklich macht sie wenig falsch, zeichnet sich aber auch durch nichts aus. Das ist aber für ein Debüt nichts Ungewöhnliches.
Illustriertes Lieblingsbuch
Gibt es noch etwas zu Kat Menschiks Illustrierten Lieblingsbüchern zu sagen, was nicht schon längst gesagt wurde? Thematisch handelt es sich um eine äußerst vielschichtige Reihe, die von Band zu Band unterschiedliche Lesegruppen anspricht. Rein optisch begeistert jeder einzelne Band die geneigte bibliophile Leserin.
Was diese Reihe aber vor allem auszeichnet, ist die individuelle Gestaltung. Das Buch besitzt die perfekte Größe, hat einen kupferfarbigen Farbschnitt und jede einzelne Komponente des Buches wurde farblich aufeinander abgestimmt. Die Fadenheftung, ein Leseband und ein illustrierter Vorsatz bzw. Nachsatz gehören zur Grundausstattung. Rein optisch gehört das Buch zu den schönsten Bänden der gesamten Reihe.
Das liegt nicht zuletzt auch an den Illustrationen. Diese zeigen ein altes Feldsteinhaus, das Kat Menschik gehört und nicht das von Kornmüller beschriebene – das macht aber nichts. Ihre Bilder fangen dennoch die Faszination für einen Ort ein, den man Heimat nennen kann. Gegenstand ihrer Motive sind oft einzelne Elemente der Einrichtung, aber noch viel mehr wunderschöne Naturbilder, die den verwilderten Garten einfangen.
Illustriert von Kat Menschik
Pro/Contra
Pro
- Wunderschöne Buchgestaltung!
- Handwerklich Potential vorhanden …
Contra
- Zu viele Elemente auf zu wenig Raum
- … aber noch nicht annähernd ausgeschöpft
Fazit
Das Haus verlassen von Jacqueline Kornmüller ist ein solides literarisches Debüt, dass vor allem von der hervorragenden Buchgestaltung durch Kat Menschik getragen wird.
autorin: Jacqueline Kornmüller
Titel: Das Haus verlassen
Seiten: 91
Erscheinungsdatum: 2024
Verlag: Galiani Verlag
ISBN: 9783869712864
Übersetzer: –
illustratorin: Kat Menschik
Reihe: Illustrierte Lieblingsbücher (17)












