Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac.

Vater Goriot

von Honoré de Balzac


30.09.2022

  • Klassiker

Vater Goriot gilt als einer der bekanntesten Romane von Honoré de Balzac. Doch was lässt den Roman innerhalb seines umfangreichen Gesamtwerks so hervorstechen?

Aufstieg und Fall

Den Ausgangspunkt unserer Erzählung bildet eine kleine Pension, die ihre besten Tage lange hinter sich hat. Betrieben wird sie von der desillusionierten Madame Vauquer, die noch den letzten Sou aus ihren Mietern zu pressen versucht. Zu ihren Gästen gehören unter anderem der verarmte Nudelfabrikant Goriot, der Jurastudent Eugene de Rastignac und der mysteriöse Vautrin. 

Rastignac kam ursprünglich aus der Provinz nach Paris, um Jura zu studieren. Doch dann trifft er eine vermögende Cousine und erliegt den Verlockungen ihres Lebensstils. Fortan kennt er nur noch ein Ziel: den gesellschaftlichen Aufstieg um jeden Preis. Ausgerüstet mit Adelstitel, Intelligenz und Charme feiert er tatsächlich erste Erfolge. Zufällig gelangt er dabei hinter das Geheimnis von Vater Goriot. 

Der unscheinbare und verarmte alte Mann war früher ein reicher Fabrikant mit einem stattlichen Vermögen. Um seinen geliebten Töchtern ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, gab er ihnen sein gesamtes Vermögen als Mitgift. Doch kaum war das Geld weg, verstießen sie ihn. Während Rastignac empört Vater Goriot helfen will, versucht der gewissenlose Vautrin, aus dieser Situation Profit zu schlagen. 

Die menschliche Komödie

Einen Roman von Balzac zu lesen, stellt hierzulande eine große Herausforderung dar. Nicht wegen der Qualität der Geschichten. Sondern weil es ob des Umfangs seines Gesamtwerks keinen richtigen Einstiegspunkt gibt. Und auf eine anständige Werkausgabe darf man ohnehin nicht hoffen. Allein sein Hauptwerk, Die menschliche Komödie, umfasst 91 Titel. 

Geplant waren sogar 137. Balzac unterteilte sein Gesamtwerk innerhalb der menschlichen Komödie in unterschiedliche Teilbereiche. Vater Goriot gehört etwa zu den Szenen aus dem Privatleben und markiert einen Wendepunkt in Balzacs Schaffen. Kurz zuvor kam er auf die Idee, einzelne Protagonisten in verschiedenen Romanen auftauchen zu lassen. Und so begegnen wir mit Rastignac und Vautrin zwei wichtigen Figuren.

Geld als Triebfeder der Gesellschaft

Wie so oft bei Balzac dreht sich alles um den schnöden Mammon. Er beschreibt, wie Geld unser Handeln bestimmt und Menschen unabhängig von ihrer Klasse zu den abscheulichsten Handlungen treibt. Balzac sah sich den größten Teil seines Lebens finanziellen Problemen ausgesetzt. Mit seinen Werken verfolgte er das Ziel finanzieller Unabhängigkeit und benötigte dafür mehrere Jahrzehnte. Nicht ganz unschuldig daran war sein Hang zum Luxus.

Figuren zum Lieben und Hassen

Insofern ist er seinem Erzähler Rastignac nicht unähnlich. Auch er kam als Student nach Paris und erlag dem Glanz dieser Stadt. So ist es nicht verwunderlich, dass ihm diese Figur besonders gelungen ist. Er wusste um die Auswirkungen von Geld und Glanz. Und entsprechend präzise und nachvollziehbar sind die Schilderungen des Wandels. Rastignac kommt mit Moral und Ambitionen in die Stadt und erliegt seiner Gier. Eine zeitlose und gut erzählte Geschichte.

Doch die anderen Figuren müssen sich nicht verstecken. Vater Goriot erreicht nicht die Tiefe eines Rastignacs. Aber wer behauptet, dass einem sein Schicksal unberührt lässt, der hat kein Herz. Als einfacher Mann erarbeitete er sich ein gewaltiges Vermögen und gab es seinen Töchtern, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch kaum war sein Geld weg, verstießen sie ihn. Doch er möchte die Realität nicht anerkennen und ist zwischen Vaterliebe und Verzweiflung hin- und hergerissen.

Der heimliche Held des Romans ist Vautrin, auch wenn er deutlich weniger Auftritte hat als die beiden Hauptfiguren. Eigentlich ist er ein Krimineller, doch im Vergleich zur Pariser Oberschicht wirkt er wie ein unschuldiges Lamm. Er erkennt die Scheinheiligkeit dieser Welt und möchte sie für sich ausnutzen. Seine Methoden mögen unmoralisch wirken, doch immerhin ist er die einzige Figur, die sich selbst nicht belügt.

Ein scharfzüngiger Erzähler

Balzac bedient sich eines scharfzüngigen auktorialen Erzählers. Mit einer Mischung aus schwarzem Humor und Verbitterung kommentiert er das Geschehen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Dabei macht er vor niemandem Halt und bringt uns zeitgleich zum Lachen und zum Weinen. Und stellt uns vor die Frage, ob sich seit der Entstehung des Romans wirklich etwas geändert hat. Abgesehen davon macht es Balzac bis zur letzten Seite spannend und verpasst dem Roman ein würdiges Ende.

Was bleibt?

Vater Goriot von Honoré de Balzac begeistert durch einen präzisen und scharfzüngigen Stil, lebendige Figuren und eine fesselnde Handlung. Innerhalb weniger hundert Seiten präsentiert uns der Autor das Portrait einer oberflächlichen und verkommenen Gesellschaft, das lange in Erinnerung bleiben wird. Zu Recht ein Klassiker!

Der Einband hält, aber…

Meine Ausgabe stammt aus dem Paul-List-Verlag und dürfte um die 50 Jahre alt sein. Der Leinenumschlag selbst wirkt immer noch tadellos, doch das Dünndruckpapier erweist sich als äußerst brüchig. Das ist trotz des Alters dieser Ausgabe enttäuschend. 

Wer eine ältere Ausgabe von Vater Goriot sucht, sollte zumindest wissen, dass die Epikon-Reihe nicht zwangsläufig gut altert. Das gelungene Nachwort stammt von Werner Bahner und liefert gleichermaßen unterhaltsame wie informative Einblicke.

Pro/Contra

Pro
  • Bis zur letzten Seite spannend
  • Balzacs präzise Schilderungen bringen den Leser gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen
  • Zahlreiche interessante Figuren wecken das Interesse des Lesers
Contra

Fazit


Vater Goriot begeistert mit starken Figuren, einem unvergleichlichen Stil und einer spannenden Handlung. Ein Meisterwerk!

autor: Honoré de Balzac

Titel: Vater Goriot

Seiten: 377

Erscheinungsdatum: 1834

Verlag: Paul List Verlag

ISBN: 9783596900732

Übersetzer: Franz Hessel

illustratoren: –

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