
Die besten Geschichten
von O. Henry
28.08.2022
- Klassiker
O. Henry ist im englischsprachigen Raum als Meister der Kurzgeschichte bekannt, hierzulande ist er hingegen weitestgehend in Vergessenheit geraten. Kann die neu erschienene Sammlung Die besten Geschichten daran etwas ändern?
Die besten Erzählungen
Die berühmte Weihnachtsgeschichte Die Gabe der Weisen (Das Geschenk der Weisen) dreht sich um ein junges Ehepaar, das bereit ist, füreinander seine kostbarsten Schätze aufzugeben. In Kleider, Sachen, Leute lernen wir Mr. Towers Chandler kennen. Der junge Mann aus der unteren Mittelschicht hat eine schrullige Angewohnheit: Monatelang spart er eisern sein Gehalt. Um sich dann wenige Male im Jahr in Schale zu werfen und einen ausschweifenden Abend voller Luxus zu erleben.
In Der Cop und der Choral pflegt der Bettler Soapy die Tradition, sich zur Weihnachtszeit verhaften zu lassen. So entgeht er dem kalten Winter und kommt in den Genuss einer Vollverpflegung. Doch egal, welche Straftat er an diesem Abend auch begeht, immer scheint er davonzukommen. Ist das ein Zeichen? Weihnachten in Yellowhammer und handelt von einem Goldgräber, der auf verschlungenen Pfaden zu seinem Glück kommt.
In Schweineethik erfahren wir, wie ein Betrüger seinen Meister findet. Und was Beppo, das berühmte gebildete Schwein aus Europa, damit zu tun hat. In Die dritte Zutat versucht Hetty Pepper verzweifelt, an die Zutaten für ein Rinderragout zu gelangen. Ein Weihnachtsgeschenk von Frio Kid zeigt, dass auch kaltblütige Mörder ein Herz haben können. In Das letzte Blatt muss ein gescheiterter Maler sein Meisterwerk vollenden, um das Leben einer Frau zu retten.
Eine (un)gewöhnliche Lebensgeschichte
O. Henry (William Sydney Porter) führte ein kurzes und interessantes Leben. Nach seinem Schulabschluss sammelte er unter anderem Erfahrungen als Verkäufer, Journalist, Herausgeber einer wenig erfolgreichen Zeitschrift, Apotheker, Cowboy oder Bankangestellter. Wegen Unterschlagung verurteilt, floh er für einige Zeit nach Honduras. Doch um die letzten Monate mit seiner unheilbar an Tuberkulose erkrankten Frau verbringen zu können, kehrte er zurück. Es folgten drei Jahre im Gefängnis.
Diese Zeit nutzte er zum Schreiben. Kurz nach seiner Entlassung (1902) startete seine Karriere als Schriftsteller in New York. Bis zu seinem Tod (1910) – wohl der Alkohol –schrieb er hunderte Kurzgeschichten und erlangte eine enorme Popularität. Doch was macht diesen Autor aus? Wie konnte er ohne vorherige nennenswerte Publikationen ein so breites Publikum erreichen?
Schriftsteller der „kleinen“ Leute
Henry gilt als Schriftsteller der einfachen Leute. Er schrieb zumeist über Menschen aus der Arbeiterklasse und zeigt uns Ausschnitte aus ihrem alltäglichen Leben und ihrem Überlebenskampf. Damit stand er im krassen Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Autoren, die sich oftmals auf die Oberschicht konzentrierten.
Folgendes Beispiel verdeutlicht seinen Ansatz: Seine zweite Kurzgeschichtensammlung nannte er „The Four Million“. Abgeleitet von der damaligen Einwohnerzahl von New York und zu verstehen als Reaktion auf einen aufsehenerregenden Zeitungsartikel von Ward McAllister. Dieser behauptete, es gäbe in New York nur 400 Menschen, über die es sich zu berichten lohnt.
Ein talentierter Geschichtenerzähler
Henry weiß einfach, wie man eine gute Geschichte erzählen muss. Oft glaubt man als Leser, auf der richtigen Spur zu sein. Nur damit uns am Ende eine überraschende Wendung präsentiert wird, die die Geschehnisse in ein gänzlich neues Licht rückt. Dass er dies in so wenigen Seiten schafft, ist umso erstaunlicher. Seine Erzählungen zeichnen sich durch einen humorvollen bis ironischen Erzählton aus, der ihnen – trotz der teilweise bedrückenden Themen – Leichtigkeit verleiht.
Die besten Geschichten versammelt Geschichten aus den Jahren 1906–1911 und präsentiert uns einen Überblick über das vielfältige Werk des Autors. Mal handelt es sich um seine geliebten „New Yorker“-Erzählungen. Manchmal verschlägt es uns in den Wilden Westen und auch Weihnachtsgeschichten nehmen einen nicht unerheblichen Teil ein. Keine einzige Geschichte enttäuscht – so etwas lässt sich nur selten über eine Kurzgeschichtensammlung sagen.
Was bleibt?
Die besten Geschichten von O. Henry versammelt angenehm zu lesende Geschichten mit einer bodenständigen Perspektive und überraschenden Pointen. Was möchte man mehr von einer Kurzgeschichte? Eine starke Wiederentdeckung.
Gewöhnliches Hardcover
Die Ausgabe aus dem Anaconda Verlag entspricht rundum den Erwartungen, die man an ein günstiges Hardcover stellen kann. Natürlich gibt es nur einen Pappeinband mitsamt Klebebindung. Und für acht Euro darf man kein Leseband erwarten. Dafür ist das Buch solide verarbeitet und beinhaltet noch einige bibliographisch interessante Nebeninformationen. Die Übersetzung stammt von Alexandra Berlina.
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Unterhaltsame Kurzgeschichten mit überraschenden Pointen
- Henry stellt die Arbeiterklasse und ihre alltäglichen Sorgen und Probleme in den Mittelpunkt seiner Erzählungen
Contra
- Auf Dauer könnten die immer-gleichen Erzählstrukturen ermüdend wirken, daher am besten nicht am Stück lesen
Fazit
Dieser kurzweilige Erzählband ist eine echte Wiederentdeckung. O. Henry begeistert mit seiner feinen Beobachtungsgabe und hält den Leser mit unerwarteten Wendungen bei Laune. Jeder, der Kurzgeschichten etwas abgewinnen kann, wird mit diesem Band seine Freude haben!
autor: O. Henry
Titel: Die besten Geschichten
Seiten: 190
Erscheinungsdatum: 1906 – 1911
Verlag: Anaconda Verlag
ISBN: 9783730610992
Übersetzerin: Alexandra Berlina
illustratoren: –
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt







