Zwei Exemplare von Guy de Maupassants Buch „Ein Leben“ liegen nebeneinander auf einer Holzfläche. Das linke Exemplar hat einen violetten Einband, das rechte Exemplar einen beigen.

Ein Leben

von Guy de Maupassant


04.06.2021

  • Klassiker

In Ein Leben nähert sich Guy de Maupassant seinem großen Vorbild Flaubert an. Gelingt ihm der Versuch?

Böses Erwachen

Frankreich 1819: Jeanne kehrt nach fünfjährigem Aufenthalt in einer Klosterschule zurück in die Normandie zu ihren Eltern. Dort genießt sie ein unbeschwertes und unaufgeregtes Leben, bis sie dem jungen Julien begegnet. Naiv und völlig überstürzt heiraten sie nach drei Monaten. Ihr Glück scheint perfekt, doch bald holt sie die Realität ein. Nach der Hochzeitsreise entpuppt sich Julien als notorischer Geizhals und Ehebrecher, der die ganze Familie unter seine Kontrolle bringt.

Hilflose Ehefrau

Guy de Maupassant gilt als großer Verehrer Flauberts und wurde von ihm bis zu seinem Tod protegiert. Wie sein berühmter Lehrmeister stellt Maupassant eine unglückliche Ehefrau in den Mittelpunkt. Er wählt jedoch einen anderen Ansatz. Seine Hauptfigur ist im Gegensatz zu Emma ein Opfer der Umstände. Wie viele Frauen ihrer Zeit gerät sie in eine unglückliche Ehe, aus der es für sie kein Entkommen gibt. 

Ihre Existenz hat keinen höheren Sinn. Sie muss nicht arbeiten. Und hat auch sonst keine sinnvolle Beschäftigung, der sie gerne nachgeht oder nachgehen kann. Mit der Heirat gehört sie ihrem Mann und ist ihm hilflos ausgeliefert. Sie ist dazu verdonnert, Widrigkeiten zu ertragen, ob es nun um die Affären ihres Mannes, Fehlgeburten oder ihren verzogenen Sohn geht.

Pessimistische Weltsicht

Diese pessimistische Sicht setzt sich bei den restlichen Figuren fort, macht dort aber nicht halt und beherrscht jede Seite. Als Naturalist wählte Maupassant eine möglichst objektive Perspektive und verzichtete auf Kommentare. Ob eine Geschichte überhaupt objektiv erzählt werden kann, ist schon fraglich. Doch ohnehin verarbeitete unser Autor hier unter dem Deckmantel der Objektivität seine eigenen Kindheitserfahrungen.

Ein auflockernder Tonfall oder ein gelegentlich eingreifender Erzähler hätten die Lektüre deutlich erträglicher gemacht. Zumal Maupassant auf einer rein handwerklichen Ebene durchaus überzeugen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass der Autor den Roman kurzfristig stark kürzte. Die dabei auftretenden Probleme (Ungereimtheiten, episodenhafte Handlung) hat er dann leider nicht mehr in den Griff bekommen.

Hochwertige Ausgabe

Die Ausgabe aus dem Mare Verlag erfüllt die hohen Erwartungen. Neben dem stabilen Schuber erwarten uns ein violettfarbener Leineneinband, eine Fadenheftung, ein Leseband und hochwertiges Papier. Im Anhang finden sich hilfreiche Anmerkungen, ein verworfener Entwurf, Briefe und ein erhellendes Nachwort von Julian Barnes. Die Übersetzung stammt von Cornelia Hasting.

Pro/Contra

Pro
  • Maupassants Fähigkeiten als Schriftsteller sind unbestritten
  • Wunderschöne Buchausstattung
Contra
  • Protagonisten ohne Identifikationspotential
  • Maupassants pessimistische Weltsicht macht die Lektüre zu einer anstrengenden Angelegenheit

Fazit


Ein Leben von Guy de Maupassant kann nicht völlig überzeugen. Die erzwungene und inkonsequente Objektivität macht die Lektüre zu einer anstrengenden Sache.

autor: Guy de Maupassant

Titel: Ein Leben

Seiten: 383

Erscheinungsdatum: 1883

Verlag: Mare Verlag

ISBN: 9783866481947

Übersetzerin: Cornelia Hasting

illustratoren: –

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