
Jahrmarkt der Eitelkeit
von William Makepeace Thackeray
29.10.2026
- Klassiker
Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair) katapultierte William Makepeace Thackeray auf einen Schlag in die oberste Riege der britischen Literaten. Wie gelang ihm dies?
Weder Held noch Heldin
Amelia Sedley und Rebecca Sharp haben nur wenig gemeinsam, als sie 1913 die Mädchenpension von Miss Pinkerton verlassen. Amelia hat glänzende Zukunftsaussichten. Als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns soll sie einen ebenso reichen und charmanten jungen Offizier heiraten.
Rebecca hingegen ist die Tochter mäßig erfolgreicher Künstler und musste sich ihren Aufenthalt mit Unterricht finanzieren. Ihr ist ein Leben als Gouvernante eines geizigen Adligen vorbestimmt. Doch Becky hält nur wenig von Standesdünkeln und gesellschaftlichen Konventionen. Um jeden Preis arbeitet sie am Aufstieg.
Ein Glücksfall
William Makepeace Thackeray kam 1811 in Kalkutta als Sohn eines britischen Kolonialbeamten zur Welt. Früh zeichnete sich sein ausschweifender Lebensstil ab. So verlor er sein eigentlich erkleckliches Erbe an Völlerei und Spiel. Und mehrere Versuche zu studieren misslangen. Um seine Familie über Wasser zu halten, musste er schreiben.
Ein Glücksfall. Nicht nur, dass er den Begriff „Snob“ (1849) prägte. Jahrmarkt der Eitelkeit erschien zwischen Januar 1847 und Juli 1848 als Fortsetzungsgeschichte im Satiremagazin Punch, wurde ein immenser finanzieller Erfolg und katapultierte ihn auf einen Schlag in eine Riege mit Charles Dickens und George Eliot. Was erwartet uns?
Klassische Motive und Schauplätze
Angesichts der Vielschichtigkeit der Handlung erscheinen zu viele Worte nicht sinnvoll. Die Lektüre soll schließlich noch Spaß machen. Daher nur grob: Wir folgen über Jahre hinweg den verflochtenen und wechselhaften Lebenswegen zweier Frauen. Im Mittelpunkt steht dabei Rebeccas Aufstieg. Daneben begegnen wir noch unzähligen anderen Figuren, die mehr oder weniger stark mit den Hauptfiguren verbunden sind.
Wie es sich für einen breit angelegten Roman seiner Zeit gehört, dürfen wir uns über erlesene Schauplätze freuen. Wir besuchen europäische Metropolen und finden uns dort wieder, wo sich gemeinhin die Oberschicht zu versammeln pflegt. Spieltische, Empfänge, große Bälle. Das ganze Programm halt. Ferner geht es übergeordnet um die ganz großen Themen: Liebe, Tod, Verrat, Krieg, Aufstieg, Fall, Zeit. So weit so üblich.
Waschechte Satire
Es handelt sich allerdings um keine Gesellschaftsstudie mit fein ausgearbeiteten Figuren, realistischen Dialogen und einem durchgeplanten Plot. Stattdessen erwartet uns eine waschechte Satire. Der Titel ist Programm. In grellen Farben und Tönen zeigt unser Autor auf, wie sehr die britische Oberschicht von Oberflächlichkeiten, Selbstdarstellung und – klar – Eitelkeiten durchdrungen ist. Zeitlos und problemlos übertragbar.
Dabei dürfen wir uns über unterhaltsame bis geniale Szenen freuen. Man denke nur an die Fluchtszenen während der Schlacht bei Waterloo oder die Abenteuer in der deutschen Provinzstadt Pumpernickel. Andere zeitgenössische Anspielungen hingegen sind allenfalls mit dem Anmerkungsapparat verständlich. Indes sorgt der Roman auch so für zahlreiche Lacher und Schmunzler.
Aufdringlicher Erzähler
Neben grundlegenden handwerklichen Fähigkeiten weiß unser Autor Cliffhanger, Verzögerungen und Andeutungen überzeugend einzusetzen. Doch der Genuss der Lektüre steht und fällt mit der Wahrnehmung des Erzählers. Wir haben es mit einem allgegenwärtigen Erzähler zu tun, der das Geschehen ununterbrochen kommentiert und interpretiert. Das muss man mögen. Manchmal übertreibt er.
Aber oft machen seine bissigen Kommentare ohnehin gelungene Szenen noch besser. Zudem ist er unser Anker in einem Meer aus verdorbenen und bewusst überzeichneten Figuren. Nicht umsonst handelt es sich um einen „Roman ohne Held“. Klar, interessant sind sie schon. Aber wirklich alle Figuren haben negative Eigenschaften, die unser Erzähler genüsslich vor unseren Augen ausbreitet und seziert.
Und auch sonst ist nicht alles perfekt. So verliert sich Thackeray des Öfteren in seiner Geschichte. Irgendwann verliert er merklich das Interesse an Figuren, lässt sie links liegen und kümmert sich ausführlich um andere Dinge, nur um dann plötzlich wieder zu wechseln. Die letzten Seiten plätschern dann nur noch vor sich her und stehen sichtlich im Bemühen, ein halbwegs passables Ende herbeizuführen.
Was bleibt?
Jahrmarkt der Eitelkeit von William Thackeray zählt nicht ohne Grund zu den großen britischen Romanen. Klar, handwerklich läuft nicht immer alles rund. Insbesondere den aufdringlichen Erzähler muss man mögen, andernfalls wird das nichts. Und wirkliche Sympathieträger sucht man im gesamten Figurenensemble vergebens.
Aber wenn man sich darauf einlässt, dann wartet eine überaus unterhaltsame Satire mit herrlich überzeichneten Figuren und Szenen, die Oberflächlichkeiten und Eitelkeiten aufs Korn nehmen. Nicht zuletzt deswegen hebt sich der Roman wohltuend von zeitlich oder thematisch vergleichbaren Werken ab. Anders und zeitlos.
Solide Ausgabe
Die wirklich solide Ausgabe aus dem Reclam Verlag überzeugt vor allem durch eine mutige und gelungene farbliche Gestaltung. Zudem erwarten uns ein Leseband und ein hilfreicher Anmerkungsapparat – mehr nicht. Rechnet man noch die Klebebindung hinzu, so wirkt der Verkaufspreis recht happig. Die Übersetzung stammt von Hans-Christian Oeser und erhielt viel Zuspruch.
Pro/Contra
Pro
- Allgegenwärtiger Erzähler
- Humorvolle Satire
- Unterhaltsames Figurenensemble
Contra
- Allgegenwärtiger Erzähler
- Ausufernde Handlung
Fazit
Jahrmarkt der Eitelkeit von William Thackeray ist eine überaus unterhaltsame Satire, die Oberflächlichkeiten und Eitelkeiten aufs Korn nimmt. Zeitlos.
autor: William Makepeace Thackeray
Titel: Jahrmarkt der Eitelkeit
Seiten: 909
Erscheinungsdatum: 1848
Verlag: Reclam Verlag
ISBN: 9783150114339
Übersetzer: Hans-Christian Oeser
illustrator: –









