Auf einer Holzfläche liegt die deutsche Ausgabe des Buches „Die Jungen von der Paulstraße“ von Ferenc Molnár. Auf dem Cover sind drei Jungen abgebildet, die im Freien stehen.

Die Jungen von der Paulstraße

von Ferenc Molnar


18.02.2023

  • Klassiker

Ferenc Molnárs Roman Die Jungen von der Paulstraße gilt vielerorts als Klassiker der Jugendbuchliteratur und gehört sogar zum Pflichtkanon an ungarischen Grundschulen. Doch was macht diesen Roman aus?

Kampf um die Heimat

Im Budapest der vorletzten Jahrhundertwende werden wir Zeugen eines erbitterten Konflikts zweier verfeindeter Gruppierungen: Die „Rothemden“, heimisch im botanischen Garten, sind auf der Suche nach einer neuen Basis, um endlich ungestört Ball spielen zu können. Als Ziel haben sie sich den „Grund“ auserkoren, eine seit Jahren brachliegende Baustelle. Das Problem? Der „Grund“ ist die Heimat der Jungen von der Paulstraße. Die sind natürlich alles andere als begeistert von diesem Vorhaben. Es beginnt ein erbitterter Kampf, der beiden Seiten alles abverlangt und Verräter, Opfer und Helden hervorbringt …

Handwerklich ganz klar ein Jugendbuch

Starten wir mit der handwerklichen Ebene: Molnar bedient sich eines allwissenden Erzählers, um uns durch das Geschehen zu leiten. Mühelos gelingt es ihm, mithilfe weniger Worte die Stadt Budapest vor unseren Augen auferstehen zu lassen. Die kurzen Beschreibungen, eingestreuten Kommentare und das lebendige Figurenensemble machen es leicht, sich in Stadt und Zeit zu versetzen.

Sprachlich merkt man Molnar die Bemühungen an, den (vermeintlichen) Anforderungen an ein Jugendbuch gerecht zu werden. Und in weiten Teilen gelingt ihm dies. Die Landschaftsbeschreibungen beschränken sich auf das notwendige Minimum und Wortwahl und Satzbau befinden sich auf einem einfachen Niveau. Dafür nimmt er sich viel Zeit, um die Fantasiewelten und Gedanken seiner Protagonisten detailliert zu schildern. Etwa wenn er ausführlich die Rangordnung innerhalb der fiktiven Paulstraßen-Armee schildert.

Der Zauber der Jugend

Als weniger gelungen erweisen sich einige Kommentare des Erzählers: Stellenweise drängt er sich mit seinen moralischen Vorstellungen zu sehr auf. Ausführlich erklärt er, welches Verhalten aus welchem Grund richtig oder falsch war.

Das ist allerdings auch der größte Vorwurf, den man diesem Roman machen kann. In allen anderen Aspekten brilliert er. So versteht es Molnar, den Zauber der Jugend wieder aufleben zu lassen und Erinnerungen an die Kindheit zu wecken. Wer hat nicht ganze Welten in seinem Kopf aufleben lassen, Schlachten gegen übermächtige Armeen geschlagen und dabei so lästige Hindernisse wie Erwachsene oder die letzten fünf Minuten vor Schulschluss überwinden müssen? 

Zudem beschränkt sich die Handlung nicht auf einen fiktiven Krieg. Die geneigte Leserin darf sich auf viele weitere Nebenschauplätze freuen. Man denke nur an den Kittverein oder so manche Szene, die sich an ein älteres Publikum richtet (unter anderem die Schneider-Szene)

Figuren mit Identifikationspotential

Das breit gefächerte Figurenensemble bietet dabei gerade für junge Leser mehr als genug Identifikationspotential. So begeistert der ruhige und besonnene Johann Boka in seiner Rolle als Anführer der Bande, während der junge Nemecsek über sich hinauswächst und bald schon zum eigentlichen Helden der Geschichte wird. Aber auch die Rothemden als gegnerische Gruppierung verfügen mit Ats Feri oder dem tollpatschigen Szebenics über genügend sympathische Figuren.

Was bleibt?

Ferenc Molnárs (Jugend)Buch Die Jungen von der Paulstraße hat mich positiv überrascht. Trotz des einfachen Schreibstils schafft er es, Kinder und Erwachsene gleichermaßen in ein humorvolles und spannendes Abenteuer zu ziehen. Spielerisch lässt er den Zauber der frühen Jugend wiederauferstehen. Die liebevoll ausgestalteten Charaktere bieten genügend Identifikationspotential und trösten über die wenigen gut gemeinten altväterlichen Äußerungen des Erzählers hinweg. Alles in allem handelt es sich um ein unterhaltsames Jugendbuch, das auch Erwachsenen vergnügliche Lesestunden bereiten wird.

Einfaches Hardcover – angemessener Preis

Rein äußerlich handelt es sich um ein solides Buch aus dem Hause Anaconda. Wir müssen zwar mit einem Pappeinband und einer Klebebindung vorliebnehmen. Doch dies ist angesichts des fairen Preises verkraftbar. Die Übersetzung stammt von Edmund Alzalay und erschien erstmals 1928, die Grundlage bildet eine aus dem Jahre 1935 stammende Fassung.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Verlag die „Eindeutschung“ der Namen der meisten Protagonisten im Vorfeld offenlegt. Und zugleich eine Anleitung mit an die Hand gibt, wie diese eigentlich auszusprechen sind.

Pro/Contra

Pro
  • Einfacher Schreibstil
  • Molnar lässt den Zauber der Kindheit wieder auferstehen
  • Sympathische Figuren mit Identifikationspotential
Contra
  • Einige Aspekte des Romans könnten nicht in jedem Alter geeignet sein

Fazit


Die Jungen von der Paulstraße von Ferenc Molnár lässt den Zauber der frühen Kindheit wieder auferstehen!

autor: Ferenc Molnar

Titel: Die Jungen von der Paulstraße

Seiten: 223

Erscheinungsdatum: 1906

Verlag: Anaconda Verlag

ISBN: 9783730612323

Übersetzer: Edmund Alzalay

illustratoren: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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