
Marschieren – nicht Träumen
von Emil Belzner
30.07.2026
- Klassiker
Emil Belzners Antikriegsroman Marschieren – nicht Träumen (1931) sorgte schon bei seinem Erscheinen für Kontroversen und verschwand nach kurzer Zeit in der Versenkung. Nun wurde er neu aufgelegt. Lohnt sich die Lektüre heute noch?
Die Folgen des Krieges
Der junge Emil Belzner gilt als aufstrebender Schriftsteller, doch nennenswerte Veröffentlichungen kann er nicht vorweisen. Stattdessen verdingt er sich ziellos als Lokaljournalist mit bedeutungslosen Schriften und Artikeln. Dann trifft er auf den Major a. D. Ritchard, der an den Folgen des Ersten Weltkrieges leidet.
Beide sind durch vergangene gemeinsame Episoden miteinander verbunden und mögen sich eigentlich nicht. Gleichwohl benötigt Belzner Stoff für einen großen Roman und Ritchard möchte seine Erinnerungen festhalten, kann diese aber nicht in Worte fassen. So kettet das Schicksal diese ungleichen Männer aneinander.
Verschollener Schriftsteller
Emil Belzner (1901–1979) arbeitete früh als Journalist für lokale und überregionale Zeitungen. Nach mehreren lyrischen Werken folgte 1931 sein Prosadebüt „Marschieren – nicht träumen“. Freunde machte er sich damit – ähnlich wie Remarque – nicht. Zu kritisch war sein Blick auf den Krieg und seine Folgen. Er durfte noch zwei weitere Romane veröffentlichen, bis ihm die Betätigung als Schriftsteller verboten wurde.
Dem sicheren Tod im Zweiten Weltkrieg entrann er nur aufgrund seiner körperlichen Untauglichkeit. Doch auch nach dem Ende der Nationalsozialisten flogen seine Werke unter dem Radar. Erst gegen Ende seines Lebens erlebte er einen kurzzeitigen Aufschwung, der sich wiederum eine Phase des Vergessens anschloss. Der vorliegende Band aus dem Elsinor Verlag stellt die erste Publikation seit Jahrzehnten dar.
Außerhalb bekannter Fahrwasser
Denkt man an die Antikriegsliteratur nach dem Ersten Weltkrieg, so fallen der geneigten Leserin Titel wie „Im Westen nichts Neues“ (1928) oder „In Stahlgewittern“ (1920) ein. Deren Autoren konnten auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, Belzner hingegen war nie an der Front. Kann er dennoch glaubwürdig über den Krieg berichten? Diese Problematik umgeht unser Autor dadurch, dass er einen anderen Schwerpunkt wählt. Ihm geht es nicht um die Front oder unmittelbare Kriegserlebnisse.
Stattdessen stellt er die Zeit danach in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Anhand des Major a. D. Ritchard zeigt er die Schwierigkeiten der Kriegsrückkehrer bei der Rückkehr in die zivile Gesellschaft auf. Das Hauptproblem: Eine richtige Aufarbeitung der Kriegsjahre fand niemals statt. Stattdessen legten Staat und Mitbürger einen Mantel des Schweigens über die Vergangenheit und ließen die ehemaligen Soldaten – speziell auf mentaler Ebene – mit dem erlebten Grauen allein.
Die Grenzen der Sprache
Belzner gelingt es, durch ungewöhnliche erzählerische und handwerkliche Entscheidungen die Ohnmacht einer Nachkriegsgesellschaft darzustellen. Der Untertitel (Zerstörte Erinnerungen) deutet es bereits an: Die menschliche Sprache reicht nicht mehr aus, um das Geschehene und die eigenen Empfindungen adäquat auszudrücken. Die Folgen sind entweder geistige Abschottung oder Verzweiflung und Verfall.
Die meisten Menschen wählen die erste Option. Ritchard plagt sich indes mit dem vergeblichen Verarbeitungsversuch, seine Erinnerungen in Worte zu fassen. Ein Strudel aus Lähmung, Furcht und Verwirrung treibt ihn langsam in den Wahnsinn. Auch unser Emil Belzner – sonst sehr behände mit den Worten – wird bei seinem Bemühen, ein Buch über Ritchard zu schreiben, in diese verwirrende Gedankenwelt gezogen.
Zwischen Traum und Realität
Zunehmend überlappen sich verschiedene Erzählebenen und reflexive Einschübe. Bald schon fragen wir uns, was Traum und was Realität ist. Gelegentlich unterhalten sich die Figuren sogar über den aktuellen Stand dieses (!) Romans. Unterstrichen wird dies durch eine Reihe von Szenen, die zugleich absurd komisch, erschütternd und surreal sind. Brotfiguren und Schaufensterpuppen stellen Schlachten nach, Majore werden zu Kunstwerken und in Wohnungen werden Schützengräben ausgehoben.
Lebendig und bunt
Belzners Stil ist Ausdruck der sprachlichen Hilflosigkeit. Statt eines nüchternen Erzähltons bedient sich Belzner einer lebendigen und bunten Sprache. Er besticht insbesondere mit schlagfertigen und humorvollen Dialogen und Reimen. Unser autobiographisch geprägter Ich-Erzähler erweist sich zudem als unzuverlässig und trägt mit abrupten Szenenwechseln und fehlenden Erklärungen zur bewusst verwirrenden Konstruktion bei. Das macht die Lektüre alles andere als einfach, gleichwohl nicht weniger lohnenswert.
Was bleibt?
Marschieren – nicht träumen von Emil Belzner überrascht. Anstatt sich in den Fahrwassern bekannterer Werke zu bewegen, wählt unser Autor einen eigenen Ansatz. Eindrucksvoll gelingt es ihm, sich den Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft und den Einzelnen erzählerisch und handwerklich anzunähern. Eine Lektüre, die niemanden kaltlässt. Nicht immer einfach. Aber wichtig und groß.
Handelsübliche gebundene Ausgabe
Rein äußerlich handelt es sich um eine handelsübliche gebundene Ausgabe aus dem Elsinor Verlag. Grundlage ist die – vom Autor autorisierte – zweite Auflage des Limes Verlags aus dem Jahre 1966. Papier und Einband sind stabil und wertig. Dafür müssen wir bedauerlicherweise auf ein Leseband verzichten. Entschädigt werden wir immerhin durch das gelungene Nachwort von Hannes Schwenger.
Pro/Contra
Pro
- Auf mehreren Ebenen herausfordernd
- Sprache und Handlung gehen nahtlos ineinander über
- Gehört zur obersten Riege der Anti-Kriegsliteratur
Contra
- Auf mehreren Ebenen herausfordernd
Fazit
Marschieren – nicht träumen von Emil Belzner überzeugt auf erzählerischer und handwerklicher Ebene. Überraschend. Herausfordernd. Wichtig.
autor: Emil Belzner
Titel: Marschieren – nicht Träumen
Seiten: 224
Erscheinungsdatum: 1931
Verlag: Elsinor Verlag
ISBN: 9783942788960
Übersetzer: –
illustrator: –
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt










