
Glanz und Elend der Kurtisanen
von Honoré de Balzac
09.04.2026
- Klassiker
Glanz und Elend der Kurtisanen von Honoré de Balzac gilt als Herzstück der menschlichen Komödie. Doch kann die Geschichte mit dem gelungenen Vorgänger mithalten?
Rückkehr nach Paris
Warnung: Inhaltlich setzt der Roman unmittelbar an die Ereignisse von Verlorene Illusionen an. Wer diesen Roman bisher nicht gelesen hat, sollte sich die Lektüre nicht verderben und direkt zum Punkt „Was bleibt?“ springen.
Nach den dramatischen Ereignissen in „Verlorene Illusionen“ kehrt Lucien de Rubempré zusammen mit seinem neuen Lehrmeister Abbe Carlos Herrera nach Paris zurück. Unter seiner Anleitung erkämpft sich Lucien geduldig Macht und Ansehen. Nach jahrelanger Arbeit steht er kurz davor, Clotilde de Grandlieu zu heiraten und damit endgültig in die obersten Gesellschaftsschichten aufzusteigen. Doch ist er bereit, seine Geliebte Esther und sein persönliches Glück dafür aufzugeben?
Das Herzstück der menschlichen Komödie
Balzac unternahm mit der „Menschlichen Komödie“ den Versuch, die französische Gesellschaft zur Zeit der Restauration möglichst vollständig abzubilden. Die 91 Titel umfassende Reihe besteht vornehmlich aus Einzelbänden, die durch eine Reihe von Figuren miteinander verbunden sind.
Glanz und Elend der Kurtisanen (Splendeurs et misères des courtisanes) erschien zwischen 1838 und 1846 in vier Teilen. Diese wurden von Balzac mehrfach überarbeitet und in verschiedenen Varianten veröffentlicht. In vielfacher Hinsicht stellt der Roman eine Fortsetzung des Meisterwerks Verlorene Illusionen dar. Gelingt es Balzac, das hohe Niveau des Vorgängers zu halten?
Aufstieg um jeden Preis
Die Handlung setzt wenige Wochen nach den Ereignissen in Verlorene Illusionen an. Wir erinnern uns: Lucien wurde von Carlos Herrera (Vautrin aus Vater Goriot) im letzten Moment vor dem Selbstmord bewahrt. Gemeinsam kehren sie nun nach Paris zurück. Fortan nutzen sie Herreras Verstand und Luciens Schönheit, um in der mittlerweile durchlässigen Pariser Adelsschicht aufzusteigen.
Dummerweise verliebt sich Lucien in die Kurtisane Esther. Zwar halten beide ihre Beziehung geheim. Doch als er Clotilde de Grandlieu heiraten soll, wird ihre Liebe auf die Probe gestellt: eine solche Verbindung erfordert Unmengen an Geld. Und beschaffen soll die finanziellen Mittel ausgerechnet Esther, die den schwerreichen Baron de Nucingen verführen und ausnehmen soll. Indes wird die Polizei auf die Machenschaften unserer Hauptfiguren aufmerksam.
Spannend und voller Überraschungen
Was folgt, ist eine Mischung aus Liebesgeschichte, Satire, Gesellschaftsporträt und Kriminalgeschichte, die man so nur bei Balzac findet. Im Mittelpunkt des Geschehens steht aber nicht mehr Lucien. Stattdessen nehmen seine Geliebte Esther und der Gauner Vautrin (Carlos Herrera) eine tragende Rolle ein. Und es ist ein wahres Vergnügen, die beiden bei ihren Machenschaften zu begleiten.
Man spürt mit jeder Zeile, wie sehr es beide Figuren Balzac angetan haben müssen. Wendung folgt auf Wendung und geniale Protagonisten geraten an noch bessere Gegenspieler. Es ist beeindruckend, welche Wege die Handlung einschlägt. Überdies dürfen wir uns über viele kleine Verästelungen und Nebengeschichten freuen, die für Balzac charakteristisch sind. Eine wichtige Rolle nehmen insbesondere zahlreiche starke Frauenfiguren ein, die auf unterschiedlichsten Wegen die Handlung lenken.
Endlose Bandwurmsätze
Handwerklich erwarten uns keine Überraschungen. Balzac nutzt einen auktorialen Erzähler, der scharfzüngig das Geschehen kommentiert. Und selbstverständlich kommen endlose Bandwurmsätze auf uns zu. Die nicht immer, aber erstaunlich oft funktionieren. Natürlich übertreibt er es manchmal, etwa, wenn er seitenlang über die Fehler des französischen Justizsystems referiert.
Aber das nehmen wir dann doch gerne in Kauf. Zum einen, weil sie zum Verständnis der Handlung beitragen. Und zum anderen, weil sie dabei helfen, das breite Bild der französischen Gesellschaft weiter auszuschmücken. Nicht zu unterschätzen sind auch die stellenweise wundervollen Dialoge.
Was bleibt?
Honoré de Balzac hat mit Glanz und Elend der Kurtisanen einen würdigen Nachfolger seines Meisterwerks „Verlorene Illusionen“ geschaffen. Der Roman glänzt mit einer spannenden Handlung, einem faszinierenden Figurenensemble und zeitlosen Themen. Ganz nebenbei zeichnet Balzac mal wieder das Bild der französischen Gesellschaft – während der Restauration – in allen Farben und Nuancen. Ein großartiges Werk.
Angemessene Klassikerausgabe
Auch diese Klassiker-Neuübersetzung aus dem Hanser Verlag genügt höchsten bibliophilen Ansprüchen. Wir dürfen uns über eine Fadenheftung, Dünndruckpapier, zwei Lesebänder und einen Leineneinband mitsamt Titelschild und Silberprägung freuen. Im Anhang erwartet uns erfreulich viel Zusatzmaterial.
Ergänzend zu detaillierten bibliographischen Angaben und verschiedenen Vorworten finden wir ein umfassendes Verzeichnis der Figuren. Ergänzend hierzu sind eine Zeittafel sowie eine Übersicht aller erwähnten historischen Persönlichkeiten enthalten. Der hilfreiche Anmerkungsapparat erleichtert die Lektüre ungemein. Übersetzt wurde der Roman von Rudolf von Bitter, der auch das umfangreiche Nachwort beisteuerte.
Werke von Honoré de Balzac
Pro/Contra
Pro
- Ausschweifender Erzählstil
- Fesselnde Handlung
- Brillante Figuren
Contra
- Ausschweifender Erzählstil
Fazit
Glanz und Elend der Kurtisanen von Honoré de Balzac ist ein spannender Roman, der auf verschiedenen Ebenen zu überzeugen weiß. Großartig.
autor: Honoré de Balzac
Titel: Glanz und Elend der Kurtisanen
Seiten: 816
Erscheinungsdatum: 1838 – 1846
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446274143
Übersetzer: Rudolf von Bitter
illustrator: –
Reihe: Hanser-Klassiker











