
Die Scherben der Erde
von Adrian Tchaikovsky
28.10.2022
- Science-Fiction
Mit Die Scherben der Erde liegt der erste Band der Architekten-Trilogie (The Final Architects) des britischen Autors Adrian Tchaikovsky vor. Kann er mit diesem Roman dem Science-Fiction-Genre etwas Neues abgewinnen?
Kunst als Bedrohung?
Tchaikovsky entwirft zunächst ein altbekanntes Szenario: Die Menschheit hat sich im Weltall ausgebreitet und ist mit außerirdischen Lebensformen in Kontakt gekommen. Gemeinsam führen sie ein Leben in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz. Bis eines Tages die Architekten auftauchen: mondgroße Wesen, die einem ästhetischen Empfinden folgend ganze Planeten zu Skulpturen umformen und jegliches Leben zerstören.
Die Menschheit kann ihnen nichts entgegensetzen. Weder konventionelle Waffen noch hochgezüchtete Kriegerklone scheinen ihnen etwas anhaben zu können. Es beginnen jahrzehntelange Flüchtlingswellen. Diese finden erst ihr Ende, als der Intermediär Idris, parapsychologisch begabt, den Architekten die Existenz der Menschheit bewusst macht.
Der Architekt verschwindet und Jahrzehnte des Friedens brechen an. Der gefeierte Kriegsheld Idris sucht unterdessen die Abgeschiedenheit und verdingt sich als Schrottsammler am äußersten Rande des Universums. Bis er eines Tages bei einer Mission Anzeichen für die Rückkehr der Architekten entdeckt.
Informationen in Hülle und Fülle
Adrian Tchaikovsky gehört zu den interessanteren Autoren der Gegenwart. Seine Werke begeistern Kritiker und Leser gleichermaßen. Unter anderem wurde er mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet. Doch wie liest sich sein neuestes Werk? Zu Beginn werden wir mit Informationen überfrachtet.
Wir werden mit Begriffen bombardiert, die allenfalls Genre-Lesern geläufig sind. Begegnen einer Vielzahl an außerirdischen Rassen, zahlreichen Planeten und unzähligen politischen Gruppierungen. Und die unterschiedlichen und interessanten Technologien werden allenfalls in einem Nebensatz erklärt. Abhilfe schafft der umfangreiche Anhang, der kurze und stimmige Erklärungen bereithält.
Menschheit ohne Mittelpunkt
Auch inhaltlich geht es in eine ähnliche Richtung. Das bestimmende Motiv Tchaikovskys ist die Schilderung einer Welt, deren Bewohner ihren gemeinsamen Mittelpunkt verloren haben. In ihrem verzweifelten Streben nach Halt driften sie immer weiter auseinander. Mehrere politische Bewegungen versuchen, die Vorherrschaft zu erlangen.
Seien es die Nachfolger der Erde, eine menschlich-identitäre Bewegung oder die muschelartigen und gottähnlichen Essiel. Als wäre dies nicht komplex genug, kommen noch kleinere außerirdische Rassen und eine Gruppe von parthenogenetisch gezüchteten Kriegerfrauen hinzu.
Aktuelle Fragestellungen
In unterschiedlichen Ausprägungen behandelt der Autor zudem Themen wie Rassismus, Nationalismus, Inklusion, Diaspora oder Flüchtlingsbewegungen. Für den Unterhaltungsfaktor ist es hilfreich, dass er den Roman nicht als Plattform für seine eigenen Ansichten nutzt, sondern diese Aspekte stimmungsvoll integriert.
So lassen sich etwa hinsichtlich der Flüchtlingswellen Bezüge zu jüngeren Flüchtlingsbewegungen auf der Erde herstellen. Zwingend sind solche Schlüsse aber nicht. Dass wir diese Ereignisse aus den Augen unserer Figuren miterleben, wirkt ohnehin viel intensiver als jede geschwungene Moralkeule.
(Zu) Viel Action
Bietet der Roman überhaupt genug Platz, um all diesen Themen gerecht zu werden? Glücklicherweise schon. Um der Informationsflut entgegenzuwirken, bedient sich der Autor verschiedenster Elemente, die sich positiv auf das Gesamtkonstrukt auswirken.
Hervorzuheben sind vor allem die Actionszenen: ob an Bord eines Raumschiffs, gegen verschiedene Schiffe, auf zahlreichen Planeten oder die „Kämpfe“ gegen die Architekten. Der Roman ist gespickt mit umfangreichen und packenden Kampfszenen, die aufgrund der unterschiedlichen Szenarien tatsächlich Abwechslung bieten. Insbesondere werden die spezifischen Gegebenheiten der Umgebung einbezogen.
Zudem zögert Tchaikovsky nicht, wichtige Figuren sterben zu lassen. Aber auch die filmreifsten Szenen leiden darunter, wenn es keine Verschnaufpausen gibt. Und so kann unser Autor nicht verhindern, dass sich ein gewisser Ermüdungseffekt einstellt. Gerade in der Mitte des Bandes fragt man sich des Öfteren, ob diese erneute dramatische Flucht notwendig war. Immerhin sorgen sorgsam dosierte Rückblenden dafür, dass sich anfangs unbekannte Begriffe und Orte dem Leser erschließen.
Charaktere, die ans Herz wachsen
Ein weiteres wichtiges Element bilden die zahlreichen und vielfältigen Protagonisten, die einem im Laufe der Handlung ans Herz wachsen. Ob nun die Hauptfiguren, die mehr als sympathische Crew des Schrottsammlers Geiergott oder ihre Feinde: Liebevoll beschreibt und behandelt der Autor Menschen und Außerirdische mit all ihren inneren und äußeren Macken.
Gerade die Interaktionen der Crew der Geiergott lassen den weiten Erzählwinkel von Tchaikovsky schrumpfen und erden die Handlung. Umso mehr fiebert man mit den Figuren in brenzligen Situationen mit, zögert der Autor doch nicht, reihenweise Figuren sterben zu lassen. Dass die immer wieder angedeutete Liebesgeschichte zwischen Idris und Trost ein wenig in den Hintergrund rückt, können wir dem Autor verzeihen.
Faszination Weltall
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Schilderung der Weltraumreisen. Die Menschheit kann sich im Weltraum nicht frei bewegen. Sie ist auf die Nutzung von Passagen angewiesen, die sich zwischen allen Planeten befinden. Außerhalb dieser Passagen liegt der sogenannte Unraum. Betreten normale Lebewesen diesen Unraum, so verlieren sie innerhalb kürzester Zeit den Verstand.
Einzig die Intermediäre sind in der Lage, diesen Raum einigermaßen unbeschadet zu durchqueren und daher gefragte Piloten und Navigatoren. Allerdings gibt es nur eine begrenzte Anzahl solcher Individuen. Um Intermediär zu werden, ist ein brutaler Prozess voller gefährlicher Operationen und Experimente notwendig, den die wenigsten überleben. Die wenigen „Glücklichen“ haben in der Regel keine große Lebenserwartung.
Ihre parapsychischen Kräfte machen sie zum einzigen Mittel der Menschheit gegen die Bedrohung durch die Architekten. Sie kämpfen nicht im herkömmlichen Sinne. Physische Gewalt kann den Architekten nichts anhaben. Vielmehr versuchen sie, psychisch zu ihnen vorzudringen. Die Schilderungen der Reisen durch den Unraum und die Kontaktaufnahmen mit den Architekten gehören zu den Höhepunkten des Romans. Sie liegen jenseits aller Konventionen und erinnern an James Tiptree Jr.
Was bleibt?
Man mag es gar nicht glauben, dass ein in allen Aspekten so überfrachteter Roman überzeugen kann. Aber Die Scherben der Erde gelingt dies. Adrian Tchaikovsky hat eine lebendige Welt erschaffen, in der er auch aktuelle Themen behandelt, ohne uns Leser zu überfordern. Dazu bedient er sich sympathischer Figuren, packender Actionszenen und einiger origineller Einfälle. Eine gelungene Space-Opera, auch für Quereinsteiger.
Gewöhnliches Paperback
Was die Buchgestaltung angeht, handelt es sich um ein gewöhnliches Paperback aus dem Heyne Verlag. Das generische Titelbild zeigt einen Planeten, der von einem Architekten umgestaltet wird und Schiffe auf der Flucht. Immerhin hat man mithilfe der ansprechenden Schrift und der klug gewählten Farben das Beste aus der Vorlage gemacht.
Freuen dürfen wir uns über einen umfangreichen Anhang. So finden wir ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, eine Übersicht der Protagonisten, auftauchenden Welten und der verschiedenen Rassen. Daneben erhalten wir Zugriff auf eine umfangreiche Zeitlinie, die vom Beginn der menschlichen Raumfahrt bis zur Romanhandlung die wichtigsten Ereignisse abbildet. Die Übersetzung stammt von Irene Holicki.
Pro/Contra
Pro
- Spannende und vielfältige Charaktere
- Starke Actionszenen
Contra
- Ohne die nötige Aufmerksamkeit kann man schnell den Überblick verlieren
Fazit
Mit Die Scherben der Erde legt Adrian Tchaikovsky einen gelungenen Auftaktband hin, der trotz seiner Informationsflut durch ein spannendes Szenario und zahlreiche Action-Szenen begeistern kann. Kein Meisterwerk, aber eine überaus unterhaltsame Lektüre!
autor: Adrian Tchaikovsky
Titel: Die Scherben der Erde
Seiten: 634
Erscheinungsdatum: 2021
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453321823
Übersetzerin: Irene Holicki
illustratoren: –
Reihe: Architekten-Trilogie (1)
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt









Schönen guten Morgen!
Ich bin zufällig über deine Rezension gestolpert, weil ich nach dem Autor gesucht habe, eigentlich zwecks seiner Reihe Die Kinder der Zeit.
Das hier klingt aber auch wirklich ungewöhnlich gut und es kommt direkt auf meine Wunschliste 🙂
Liebste Grüße, Aleshanee
Schönen guten Morgen,
Das freut mich, das ist eine wirklich gute Reihe, die über alle drei Bände ihr hohes Niveau weitgehend halten kann. 🙂
Die Kinder der Zeit klingt aber auch sehr spannend, der erste Band liegt auch schon seit einer Weile auf meiner Wunschliste!
Liebe Grüße,
Eugen
Vielen Dank für deinen Eindruck! Das schaut ja auf den ersten Blick ganz interessant aus und durch deine beherzte Warnung werde ich mich mal vorsichtig an die Leseprobe herantasten.
Das Buch ist – genau wie die Fortsetzung – auf jeden Fall einen Versuch wert!