Ein gebundenes Buch mit dem Titel "KATABASIS" von R. F. Kuang liegt auf einer Holzfläche.

Katabasis

von Rebecca F. Kuang


11.09.2025

  • Fantasy

Mit Katabasis legt Shootingstar R. F. Kuang ihr mittlerweile sechstes Werk vor. Doch kann sie den hohen Erwartungen gerecht werden?

Reise in die Unterwelt

Alice Law steht kurz davor, all ihre akademischen Ziele zu erreichen. Als Bildungsaufsteigerin arbeitet sie in Cambridge auf dem Gebiet der Analytischen Magie mit dem legendären Professor Jacob Grimes. Dieser gilt zwar als schwieriger Charakter, doch eine von ihm betreute Dissertation eröffnet jeden erdenklichen Karriereweg.

Dann stirbt Grimes an den Folgen eines fehlgeschlagenen Experiments. Alice gibt sich die Mitschuld an seinem Tod und stürzt sich in monatelange Recherche-Arbeiten. Gemeinsam mit ihrem Konkurrenten Peter Murdoch begibt sie sich schließlich wortwörtlich in die Hölle, um ihren Doktorvater wiederzuholen. Der Preis? Die Hälfte der verbliebenen Lebenszeit. Und weder Erfolg noch Rückkehr sind garantiert …

Shootingstar der Literaturszene

Um den Namen R. F. Kuang kam in den vergangenen Jahren wohl keine Leserin herum. Erstmals trat sie mit der „Mohnblumen“-Trilogie in Erscheinung, klassischen Fantasy-Werken mit chinesischem Setting. Für Aufsehen sorgte sie im Jahre 2022, als sie mit „Babel“ frischen Wind in die phantastische Literatur brachte.

In ihrem letzten Werk „Yellowface“ nahm sie sich dann den Literaturbetrieb vor und begeisterte damit Leser wie Kritiker. Ganz nebenbei studierte sie an mehreren Elite-Universitäten (Oxford, Cambridge, Yale). In „Katabasis“ führt sie uns wieder in phantastische Gefilde und nimmt uns mit auf eine Reise in die Hölle. Gelingt es ihr, mit ihrer sechsten Veröffentlichung an ihre bisherigen Erfolge anzuknüpfen?

Erfrischende Ideen

Gerade zu Beginn des Romans stoßen wir auf Aspekte, die ihre ungeheure Popularität erklären. Bereits unser Ausgangspunkt ist reizvoll und weicht wohltuend von bekannten Mustern der phantastischen Literatur ab,

Kuang entwickelt eine – in den 1980ern spielende – Parallelwelt, in der Magie nach (halbwegs) wissenschaftlichen Regeln funktioniert. Sie kann rein theoretisch von jedermann ausgeübt werden – erforderlich sind nur Fleiß und Kreide. Allerdings hat ihr die Technik mittlerweile den Rang abgelaufen und kann alles besser und schneller. Magie ist in erster Linie nur noch für einige wenige Forschende an den Universitäten interessant.

Dark Academia

Die Schauplätze des Romans befinden sich hauptsächlich in der akademischen Welt. Das bedeutet alte Gebäude, Bibliotheken, viel Arbeit, viel Kaffee und wenig Schlaf. Dark Academia liegt immer noch im Trend und Kuang weiß genau, was ihre Zielgruppe erwartet.

Da überrascht auch nicht die Idee, aus der Hölle eine Universität zu machen. Immerhin eröffnet diese Entscheidung den Raum für zahlreiche unterhaltsame Szenen und Lacher. Etwa, wenn unsere Autorin aufzählt, wofür Akademiker in die Hölle kommen oder wie auf einem Marktplatz Plagiate beworben werden.

Halbherzige Umsetzung

Leider wird innerhalb kürzester Zeit ein Grundproblem deutlich, das sich durch das ganze Werk zieht: Kuang hat viele kreative und wahnsinnig erfrischende Ideen. Diese verfolgt sie dann aber nur halbherzig weiter und stimmt sie in den seltensten Fällen aufeinander ab.

Immer wieder kommt es zu Ungereimtheiten, Logikfehlern und Widersprüchen. Auch auf der reinen Handlungsebene begnügt sie sich mit dem notwendigen Minimum. Ja, es gibt „Überraschungen“ und Wendungen – aber immer nur einmal und viel zu oft genauso, wie man es erwartet.

Handwerklich durchschnittlich

Handwerklich macht unsere Autorin wenig falsch, aber auch nur wenig wirklich gut. Insbesondere der Gebrauch von Alltagsbegriffen geht gründlich daneben. Das erfordert ein Sprachgefühl, über das die meisten Autoren nicht zu verfügen scheinen. Dennoch: Wirklich schlecht schreibt sie nicht, sie befindet sich jedenfalls deutlich über dem Niveau eines typischen New-Adult-Autors.

Das Erzähltempo ist dank vieler Dialoge und kurzer Kapitel und trotz regelmäßiger Rückblenden recht hoch. Letztere werden aber – wie die Ansätze einer unzuverlässigen Erzählerin – vor allem eingesetzt, um über die Schwächen der Handlung hinwegzutäuschen: Die Handlung verläuft genau so, wie man es erwartet. Wirkliche Probleme stellen sich für unsere Protagonisten nicht. Alle Hindernisse – sowohl die inneren als auch die äußeren – überwinden sie spielerisch. Die Reise durch die Hölle ähnelt mehr einem Spaziergang als einem waghalsigen Abenteuer mit echten Konsequenzen. Kein Wunder, dass wir zumeist vergeblich auf Spannung hoffen.

Schwache Liebesgeschichte

Auch hinsichtlich der Charaktere lässt sich nicht viel Positives berichten. Unsere Hauptfiguren verkörpern lupenreine Stereotype: Die ehrgeizige Studentin, die dem Erfolg alles unterordnet, und das faule Genie, dem alles zufällt. Enttäuschend ist vor allem die Darstellung der Hauptfigur Alice Law.

Kuang hat offensichtlich keine Vorstellung davon, wie sich Bildungsaufsteiger in einem akademischen Umfeld fühlen. Deswegen kann sie auch keine glaubwürdige Hauptfigur konstruieren. Über die anderen Figuren – insbesondere die albernen Antagonisten – lege ich zugunsten der Autorin einen Mantel des Schweigens.

Die unvermeidliche Liebesgeschichte entwickelt sich genauso vorhersehbar wie erwartet und mündet – abgesehen von einer kurzen Phase, die vergebliche Hoffnung schürt – in einem absoluten Klischee-Finale.

Pseudo-Intellektuelle Referenzen

Alles in allem handelt es sich um ein durchschnittliches Buch mit einigen Stärken, aber auch vielen Schwächen. Die von mir aufgezählten Kritikpunkte treffen so oder so ähnlich auf einen Großteil der jährlichen Neuerscheinungen zu. Warum kritisiere ich also ausgerechnet dieses Buch?

Kuang umgibt ihr Werk mit einem Anschein von Intellektualität und Intertextualität, der sich letztlich als substanzlos herausstellt. In Katabasis finden sich zahlreiche Referenzen auf Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler. Ich bin ohnehin kein Fan von Autoren wie Melville oder Mann, die mit vielen Anspielungen und Symbolen arbeiten. Da kann ich aber immerhin noch die handwerkliche Meisterschaft anerkennen.

Mehr Schein als Sein

Die Arbeit unserer Schriftstellerin befindet sich sowohl was Aufwand als auch was Anspruch angeht, einige Stufen darunter. Ihre Leistung beschränkt sich darauf, die entsprechenden Werke zu erwähnen. Für die Lektüre selbst sind so gut wie keine Vorkenntnisse erforderlich. Entweder spielen die Referenzen ohnehin keine Rolle oder sie werden viel zu ausführlich erklärt. Man könnte sie problemlos streichen und es würde dem Buch in keiner Weise schaden. Sonderlich anspruchsvoll oder anregend ist das Buch an keiner Stelle – intellektuell bewegen wir uns irgendwo zwischen Abreißkalender und Instagram-Selfie.

Aber auch sonst gibt das Buch vor, mehr zu sein, als es eigentlich ist. Wichtige Themen wie Machtmissbrauch, Feminismus und Sexismus im akademischen Umfeld werden zwar zumindest angedeutet. Aber auch hier bleibt es beim bloßen Erwähnen – dekonstruiert wird die zugrundeliegende Thematik jedenfalls nicht. Das ist bedauerlich, gäbe es doch kaum eine Autorin, die bessere Einblicke in diese Welt hätte liefern können.

Was bleibt?

Katabasis von R. F. Kuang lässt mich enttäuscht zurück. Nicht dass der Roman schlecht wäre. Kuangs Ideen sind oft erfrischend und vielversprechend und das handwerkliche Talent ist zweifelsfrei vorhanden. Doch irgendwann scheint der Autorin die Lust auf ihr eigenes Werk vergangen zu sein. Anstatt aus dieser Basis etwas zu machen, nutzt sie allseits bekannte Handlungsmuster, entwirft eine lieblose und vorhersehbare Liebesgeschichte und streut ein paar pseudo-intellektuelle Referenzen ein.

Sie gibt sich nicht einmal die Mühe, die einzelnen Komponenten aufeinander abzustimmen. Mein Gefühl sagt mir, dass mehr Zeit und Arbeit diesem Roman gut getan hätten. Dann kann man aber wahrscheinlich nicht jedes Jahr die Kassen klingeln lassen. Enttäuschend durchschnittlich – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Gelungene Buchgestaltung

Rein äußerlich hat man sich bei diesem Buch aus dem Eichborn Verlag viel Mühe gegeben. Gerade für eine Massenausgabe dürfen wir uns über eine äußerst liebevolle Gestaltung freuen. Um eine Klebebindung kommen wir zwar nicht herum, aber ansonsten begeistern ein interessantes Cover, ein Leseband, ein stimmungsvoller Farbschnitt, bedruckter Vorsatz bzw. Nachsatz und kleine Details wie eingeprägte Motive auf dem Buchumschlag.

Im Inneren leiten kleine Illustrationen die Kapitel ein. Insgesamt handelt es sich um ein äußerst stimmig gestaltetes Buch, bei dem die einzelnen Komponenten perfekt aufeinander abgestimmt wurden. Keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick auf internationale Ausgaben zeigt. Die Übersetzung stammt von Alexandra Jordan und Heide Franck.

Pro/Contra

Pro
  • Viele interessante und erfrischende Ideen
  • Handwerklich solide
Contra
  • Enttäuschende Umsetzung
  • Viele Widersprüche und Ungereimtheiten
  • Plumpe und Vorhersehbare Liebesgeschichte
  • Pseudo-Intellektuelle Referenzen

Fazit


Katabasis von R. F. Kuang stellt ein enttäuschend durchschnittliches Werk mit vielversprechenden Ansätzen und einer unbefriedigenden Umsetzung dar. Schade.

autorin: Rebecca F. Kuang

Titel: Katabasis

Seiten: 656

Erscheinungsdatum: 2025

Verlag: Eichborn Verlag

ISBN: 9783847902164

Übersetzer: Alexandra Jordan, Heide Franck

illustrator: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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Aleshanee
Aleshanee
19.09.2025 10:04

Schönen guten Morgen!

Da gehen unsere Meinungen ja ziemlich auseinander *lach* Ich fand die Geschichte ziemlich genial! Ihren Stil fand ich sehr eindringlich und die Logikfehler – hab ich entweder übersehen oder waren mir wohl nicht so auffällig wichtig. Manchmal, wenn mir etwas sehr gefällt, sehe ich da auch gerne mal drüber weg.

Schade jedenfalls, dass dich die Geschichte nicht packen konnte, ich fand die Höllenfahrt sehr irrwitzig und teilweise auch tiefgründig 🙂

Deine Rezension ist direkt heute auch in meiner Stöberrunde dabei 🙂 

Liebste Grüße, Aleshanee

Eugen
21.09.2025 14:20
Antwort an  Aleshanee

Es wäre ja ziemlich langweilig, wenn wir alle denselben Geschmack hätten 😀

Ich hatte wahrscheinlich zu hohe Erwartungen. Ich hatte die Autorin schon längere Zeit im Blick, habe fast durchweg positive Reaktionen zu ihrem bisherigen Werk vernommen, und eigentlich hätte das zwischen dem Buch und mir funktionieren müssen.

Das Buch ist nicht schlecht. Aber es hätte (meiner Meinung nach) wesentlich besser sein können, wenn sich die Autorin mehr Zeit genommen hätte. So fühle ich mich als Leser aber ein wenig hinters Licht geführt.

Ganz aufgegeben habe ich Kuang aber nicht. Meine Herzensdame hat vor einiger Zeit Babel gelesen. Da werde ich bestimmt eines Tages mal hineinlesen 🤔

Und vielen Dank für die Verlinkung!

Aleshanee
Aleshanee
21.09.2025 17:17
Antwort an  Eugen

Vielleicht ist Babel ja dann wirklich eher was für dich. Da geht es auf jeden Fall sehr intensiv in die Thematiken!
Wobei ich das ja hier auch schon so empfunden hatte… aber ich finde eh, dass die Autorin in jedem Buch eine ganz andere Note hat, auch den Stil empfinde ich als unterschiedlich; auch wenn sicher andere Ähnlichkeiten entdecken.

Die drei die ich jetzt gelesen habe, könnte ich aber nicht miteinander vergleichen, deshalb können da auch sehr unterschiedliche Meinungen dazu entstehen.