
Hände des Todes
von Algernon Blackwood
12.02.2026
- Horror
- ·
- Phantastik
Algernon Blackwood gehört zu den einflussreichsten Schauergeschichten-Autoren des 20. Jahrhunderts. Mit Hände des Todes liegen 21 Kurzgeschichten aus den Jahren 1910 bis 1935 erstmals in gesammelter Form vor. Doch ist die Lektüre noch zeitgemäß?
Rebell und Freigeist
Dem 1869 geborenen Algernon Blackwood stand die Welt offen. Als Sprössling des britischen Adels kam er in den Genuss einer klassischen Erziehung und beschritt den üblichen Bildungsweg. Doch schon in jungen Jahren rebellierte der Freigeist gegen sein konservatives Elternhaus und wanderte mit zwanzig nach Kanada aus. Dort versuchte er sich – unter anderem – vergeblich als Farmer. Später arbeitete er – ebenfalls mäßig erfolgreich – als Journalist in New York. Nach einem zehnjährigen Irrweg kehrte er schließlich nach England zurück.
Indes waren die folgenden Versuche als Unternehmer ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. In dieser Zeit begann er mit dem Schreiben. Als Geschichtenerzähler im Radio und Fernsehen erlangte er letztlich späten Ruhm, bevor er 1951 verstarb. Während seines Lebens verfasste er etwa 200 Kurzgeschichten, zwölf Romane und unzählige weitere Werke. Doch während Zeitgenossen wie Arthur Machen oder H. P. Lovecraft längst mit Werkausgaben geehrt wurden, lassen sich hierzulande nur vereinzelt Ausgaben seines Schaffens finden.
Michael Schmidt und Achim Hildebrand veröffentlichen im deutschen Horror-Magazin Zwielicht regelmäßig Neuübersetzungen seiner Kurzgeschichten. Diese werden – mit vielen weiteren Erstübersetzungen – regelmäßig zusammengefasst. Nach Aileen (2018) und Traumpfade (2022) erscheint mit Hände des Todes (2025) der dritte Sammelband.
Vielseitige Geschichten
Hände des Todes beinhaltet einundzwanzig Kurzgeschichten, die ursprünglich zwischen 1910 und 1935 veröffentlicht wurden. Die Art und Qualität der Geschichten variiert – wie in jeder Kurzgeschichtensammlung – beträchtlich. Wir finden hier einige wirklich unterhaltsame Erzählungen, aber auch solche, die wohl nur der Vollständigkeit halber dabei sind. Thematisch erweist sich Algernon Blackwood als vielseitiger Schriftsteller.
Natürlich geht es um Geister und andere übernatürliche Phänomene. In den meisten Fällen haben wir es mit mehrdeutigen und nicht greifbaren Ereignissen zu tun. Mal wird es spirituell („Der Mann, der auf dem Blatt spielte“), mal romantisch („Ruf aus dem Jenseits“) und dann wiederum einfach nur makaber oder urkomisch („Die Sammlung des Kobolds“, „Das seltsame Verschwinden eines Baronets“).
Besonderer Blick
Sein Lebenslauf ermöglicht es ihm, verschiedene Perspektiven einzunehmen und zu hinterfragen. Er kennt die guten und die schlechten Seiten des Lebens und kann sie glaubhaft darstellen. Ein besonders wichtiges Motiv in seinen Erzählungen bildet das ambivalente Verhältnis von Natur und Mensch. Anhand der Jagd, des Wanderns oder der Berge im Allgemeinen leuchtet er verschiedene Seiten dieses Themas aus und macht es so für uns greifbarer.
Gleichfalls scheint seine Faszination für das Reisen und fremde Orte und Kulturen immer wieder durch. Esoterik und Theosophie finden genauso ihren Platz wie die Psychologie. Speziell die seinerzeit aufkommende Psychoanalyse beschäftigt ihn: Er überträgt ihre Kerngedanken auf das Übernatürliche und verfolgt damit einen seinerzeit innovativen und bis heute interessanten Ansatz.
Es gibt keine billigen Schockmomente. Es geht nicht um feindselige Kräfte oder böse Machenschaften. Das Grauen findet nicht außerhalb des Menschen statt. Entweder es ist im Menschen angelegt. Dann können wir es nicht verstehen, weil wir uns selbst nicht verstehen. Doch gerade in diesen Fällen hat Blackwood Nachsicht mit seinen Figuren und behandelt sie mit besonderem Respekt. Oder der Mensch ist Teil von etwas Größerem und findet durch das Übernatürliche wieder zu sich.
Subjektive Erzählperspektive
Auch in handwerklicher Hinsicht handelt es sich bei Algernon Blackwood um einen interessanten Autor. Insbesondere der Fokus auf subjektive Erfahrungen macht seine Geschichten so reizvoll. Er nutzt eine personale Erzählperspektive und macht uns damit vom Blickwinkel der jeweiligen Figuren abhängig. Gleichzeitig handelt es sich um unzuverlässige, weil menschliche Erzähler. Wir ahnen: Irgendwas stimmt nicht. Irgendetwas verbirgt sich. Aber nie erhalten wir verlässliche Informationen.
Verstärkt wird die Subjektivität durch die vielen Monologe und den vorwiegend hypotaktischen Satzbau. Allerdings nutzt Blackwood die vielen Nebensätze nicht, um Abseitiges einzubauen. Bei ihm befindet sich die Handlung beständig im Fluss, jeder Nebensatz bringt die Handlung voran. Gleichzeitig imitiert dieser fließende Stil den Gedankenfluss eines Menschen.
Ansonsten zeichnet sich Blackwood durch eine beinahe schon zurückhaltende Prosa aus. Er nutzt eine klare und präzise Sprache, die nichts überbetont und absolute Aussagen vermeidet. Fast so, als wollte er die Ungeheuerlichkeiten in seinen Erzählungen durch eine gewissenhafte Sprache ausgleichen.
Was bleibt?
Hände des Todes von Algernon Blackwood stellt eine unterhaltsame Wieder- und Neuentdeckung eines immer noch sträflich vernachlässigten Autors dar. Natürlich schwankt die Qualität der einzelnen Geschichten stark. Längst nicht jede Erzählung entspricht dem heutigen Zeitgeist.
Doch seine Herangehensweise an das Übernatürliche hebt sich wohltuend von der anderer Autoren ab. Die Themenwahl ist vielfältig und zeugt von einem reichen Erfahrungsschatz. Blackwoods Prosa spiegelt seine offene Geisteshaltung wider. Wer sich für das Übernatürliche interessiert, findet hier eine Sammlung, die nicht nur aus historischen Gründen interessant ist.
Solides Hardcover
Hände des Todes ist als Print on Demand über KDP (Kindle Direct Publishing) erhältlich. Rein äußerlich erhält man genau das, was man auch erwartet. Wir haben es mit einem gewöhnlichen Pappeinband ohne Schutzumschlag und einer Klebebindung zu tun. Natürlich lässt sich die Verarbeitungsqualität nicht mit der großer Verlagshäuser vergleichen. Aber weit entfernt ist man nicht.
Dafür können viele andere Aspekte überzeugen. So finden wir im Inneren einige Illustrationen von Adrian van Schwamen. Ein Vorwort des Herausgebers und Übersetzers Achim Hildebrand und bibliographische Informationen runden die Lektüre ab. Erfreulicherweise wurden die Anmerkungen direkt in den Text integriert – angesichts der vielen Geschichten eine leserfreundliche Entscheidung.
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Interessante Interpretation des Übernatürlichen
- Subjektive und zurückhaltende Prosa
- Respektvoller Umgang mit Themen und Figuren
Contra
- Nicht alles zeitgemäß
- Qualitativ große Schwankungen
Fazit
Hände des Todes von Algernon Blackwood begeistert sowohl auf handwerklicher als auch auf inhaltlicher Ebene. Nicht nur aus historischen Gründen lesenswert.
autor: Algernon Blackwood
Titel: Hände des Todes
Seiten: 398
Erscheinungsdatum: s.o.
Verlag:
ISBN: 9783565122233
Übersetzer: Achim Hildebrand
illustrator: Adrian van Schwamen
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt









