
Anna Karenina
von Lew Tolstoi
01.02.2021
- Klassiker
Anna Karenina (1877) gehört zu Lew Tolstois bekanntesten Werken. Überzeugen seine Einblicke in die Welt des russischen Adels heute noch?
Mehr als ein Liebesroman
Anna Karenina leidet in ihrer Ehe mit dem gefühlskalten Bürokraten Alexej Alexandrowitsch. So beginnt sie eine Affäre mit dem jungen Offizier Wronski und beide scheinen ihr Glück gefunden zu haben. Doch der gesellschaftliche Druck steigt und droht, beide zu zerreißen. Zeitgleich muss der Gutsbesitzer Lewin mit seiner Frau Kitty auf dem Weg zu einer gelingenden Ehe viele Steine aus dem Weg räumen.
Polarisierende Figuren
Lew Tolstoi nutzt zwei unterschiedlich verlaufende Beziehungen, um eine Momentaufnahme der russischen Seele anzufertigen. Er behandelt unzählige gesellschaftliche und familiäre Themen – gerne mit einer ordentlichen Prise Ironie und einer vergleichsweise knappen Prosa. Es ist gar nicht möglich, die vielen denkwürdigen Szenen aufzuzählen. Anna Karenina ist dabei eine streitbare Figur mit vielen Schwächen: Sie betrügt ihren Mann, vernachlässigt ihre Kinder und wird opiumsüchtig.
Doch das ist nur eine Seite. Für ihren Ehemann war sie immer nur ein notwendiges und schmückendes Beiwerk. Die öffentliche Meinung über die Affäre ist ihm wichtiger als seine persönlichen Gefühle. Wer will es Anna da verdenken, ihr Glück woanders zu suchen? Zumal sich Wronski als aufopferungsvoller Liebhaber entpuppt. Den Gegenpol bildet die Ehe des Gutsbesitzers Konstantin Lewin mit seiner Frau Kitty. Beide müssen eine Reihe von Problemen überwinden, dann aber gelingt ihnen eine beständige Ehe.
Kritische Positionen
Als Gutsbesitzer ist Lewin Zeuge und Leidtragender der langsamen Industrialisierung Russlands. Der Roman beginnt 1872, also gut elf Jahre nach dem offiziellen Ende der Leibeigenschaft. Nur noch wenige Bauern können sich selbst versorgen und viele sind gezwungen, anderweitig Arbeit zu finden. Lewin spürt, dass es so nicht weitergehen darf. Eine wichtige Rolle zur Problemlösung nimmt die Bildung ein. Auch unser Schriftsteller ließ Schulen errichten und verfasste mit einigem Erfolg Lehrbücher.
Zudem spart Tolstoi nicht an Kritik am aufgeblähten und kostspieligen Staatsapparat. Die weitverbreitete Vetternwirtschaft führt dazu, dass jede Menge sinnloser Posten geschaffen werden. Die Profiteure dieser Situation, wie Annas Bruder Stephan Arkadjitsch, verbringen ihr Leben mit kurzweiligen Affären und inhaltslosen Salonabenden. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Adligen, die mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegenritten.
Für Aufsehen sorgte Tolstois Kritik am Serbisch-Osmanischen Krieg. Im Zuge dessen stürzten sich über 4000 Russen ohne offizielle Kriegserklärung ins Gefecht. Unser Autor weist auf die Fragwürdigkeit dieses Vorgehens hin und stellt die Freiwilligen in einem schlechten Licht dar. Für ihn sind sie Menschen ohne Perspektive und keine Helden. Sein Redakteur Kathow, ein Kriegsbefürworter, kürzte den entsprechenden Teil und brachte Tolstoi damit gegen sich auf.
Wundervolle Aufmachung
Die Ausgabe aus dem Hanser Verlag kann auch äußerlich überzeugen. Neben einem Leineneinband erwarten uns ein Titelschild mitsamt Goldprägung, eine Fadenheftung, ein Leseband und Dünndruckpapier. Der Anhang bietet einen hilfreichen Anmerkungsapparat und viele interessante Hintergrundinformationen. Die Übersetzung fertigte Rosemarie Tietze an.
Pro/Contra
Pro
- Weltliteratur, muss man gelesen haben
Contra
- –
Fazit
Anna Karenina von Lew Tolstoi gehört zu den ganz großen Werken der Weltliteratur. Es hat bis heute nichts von seiner Strahlkraft und seiner Sogwirkung verloren.
autor: Lew Tolstoi
Titel: Anna Karenina
Seiten: 1238
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446234093
Übersetzerin: Rosemarie Tietze
illustrator: –








Ich finde es schön und einfach erfrischend wie klar und unmissverständlich Dein Fazit ist!
Nicht sollte, nicht könnte, kein vielleicht oder sonstige Weichmacher.
Klar und deutlich – „Muss“. Mehr gibt es hier bist zur tatsächlichen Lektüre wohl kaum zu sagen.
Vor wenigen Wochen besuchte ich ein Buchhandlung. Sie ist klein und gefüllt mit Regalen, die bis zur Decke reichen. Eines dieser Regale ist scheinbar ausschließlich für Ausgaben der Anderen Bibliothek vorgesehen. Dieser Anblick alleine ist atemberaubend. Ich bleibe im Eingang stehen und blicke mich um. Ein älterer Mann sieht mich, blickt kurz auf und widmet sich wieder seiner Tätigkeit. Hierbei handelt es sich sich um den Inhaber, wie ich später erfahren werde. Ich bin in Kauflaune und greife beherzt zu „Das Land der Jungen“ von Denes Krusovszky. Dann frage ich nach Klassikern des Hanser Verlags. Der Mann grinst und greift gekonnt nach einer meinen Augen verborgenen Ausgabe von „Madame Bovary“ direkt vor mir im Regal. Ich schmunzle und sage, dass ich mir dieses Werk für später aufheben will. Ich suche eine Ergänzung, etwas Frisches, vielleicht etwas Unterhaltsames mit Ambitionen Weltliteratur sein zu können. Gierig und mit dem Gedanken mein Bücherregal zuhause weiter zu füllen, frage ich nach „Oblomow“ und „Eine Gewöhnliche Geschichte“. Ich habe beide gehört und kenne die Geschichten, doch die Ausgaben aus der Hanser Reihe fehlen mir noch. Die Augen des Mannes funkeln, er verfällt in eine Mischung aus Lachen und Sprechen und erzählt beherzt über Gontscharow und warum er damals wie heute so wichtig und aktuell ist. Dann reicht er mir ein schmales, broschiertes Büchlein mit dem Titel „Die Schwere Not“ – Iwan Gontscharow. Ich wiege es in meiner Hand, streiche über die strukturierte Vorderseite und werde es nicht mehr hergeben. Ich grinse übers ganze Gesicht. Auch meine Begleiterin lächelt. Glücklich und voller Vorfreude verlassen wir die Buchhandlung und gehen Eis essen.
Das was ich eigentlich nur sagen wollte, ich liebe die russische Literatur und kann Dir, Lieber Eugen, diese kleine feine Geschichte aus der Friedenauer Presse nur ausdrücklich empfehlen.
So, ich denke es ist Zeit für die Sommergeschichten von Tschechow und Djamila von Aitmatow. Wo ich diese Anregungen wohl herhabe…😉
LG Knallebutzen
PS: „Das Land der Jungen“, insbesondere die Geschichte „Unbekannter Himmel“ hat es in sich! Über die Ausstattung des Buches müssen wir glaube ich nicht sprechen. Besser wird’s wohl nicht mehr.
Hallo Knallebutzen,
Vielen Dank für deine lobenden Worte und vor allem für das Teilen dieser kleinen Geschichte – sehr pointiert und gleichzeitig sehr bildhaft!
Diese Buchhandlung hört sich auch sehr verlockend an – meine Stammbuchhandlung hat idR „nur“ ein Regalbrett der Anderen Bibliothek vorrätig und bereits dieses Regalbrett wirkt sehr eindrucksvoll.
Danke auch für die Empfehlungen, ich werde beide Bücher auf meine Liste aufnehmen. Den „neuen“ Gontscharow hätte ich ansonsten tatsächlich übersehen – der muss mir beim Sichten der Verlagskataloge durchgerutscht sein!
Und viel Spaß beim Lesen der zwei Bände, da kann man ganz sicher nichts falsch machen 🙂
Liebe Grüße,
Eugen