Auf einem Holzboden liegt ein Buch mit dem Titel.

Der verwunschene Fels

von Willa Cather


02.08.2024

  • Klassiker

Die Amerikanerin Willa Cather ist als Autorin zahlreicher Romane bekannt geworden. Der verwunschene Fels bietet deutschsprachigen Lesern erstmals die Gelegenheit, ihre Kurzgeschichten und Novellen und damit bisher unbekannte Facetten ihres Werkes zu entdecken.

Heimweh, Fernweh und zurück

In der titelgebenden Geschichte Der verwunschene Fels begleiten wir eine Gruppe von Jugendlichen in ihrer ländlichen Heimat. Diese verbringen einen letzten gemeinsamen Sommer und erzählen sich in einer lauen Sommernacht gegenseitig von ihren Plänen. Doch was macht die Realität aus ihren Träumen?

Ein Wagner-Konzert führt eine ehemalige Städterin nach Jahrzehnten auf dem Land wieder nach Boston. Als das Konzert beginnt, brechen bei ihr alle Dämme. Pauls Fall handelt vom Leben eines Problemschülers, der ständig rebelliert und schließlich zu einem großen Coup ansetzt.

Auf der Straße der Möwen führt uns in die Vergangenheit eines Diplomaten und erzählt von einer Liebe, die niemals sein sollte. Die Lebenslust der Nelly Deane ist es, die sie in ihrem Heimatort gefangenhält, während ihre unscheinbare Freundin Karriere macht. Schon bald: Aphrodite! lässt den uralten Konflikt zwischen Kommerz und Kunst wieder aufleben.

Die alte Mrs. Harris spielt im Haushalt ihrer Tochter eine untergeordnete Rolle und kommt am Ende zu einer Einsicht, die überraschend und dann doch wieder nicht ist. In der letzten Geschichte Vor dem Frühstück begegnen wir einem erfolgreichen Geschäftsmann, der eine alte Hütte mitten im Nirgendwo besitzt und dort seine spärliche freie Zeit verbringt.

Zwischen Stadt und Land

Willa Cather zählt zu den unzähligen Autorinnen, deren Bekanntheit in keinem Verhältnis zu ihrer literarischen Qualität steht. Auch mir wäre ihr Schaffen für noch längere Zeit verschlossen geblieben, wenn es nicht angesichts ihres 150. Geburtstages zahlreiche Neuauflagen ihrer Werke gegeben hätte.

Geboren 1873 in Virginia, wuchs sie in Nebraska auf, wo sie auch studierte und als Journalistin und Lehrerin arbeitete. Später zog sie nach New York – vornehmlich, um mit der Schriftstellerin Edith Lewis zusammenleben zu können – und arbeitete dort erfolgreich als Journalistin und mehr und mehr auch als gefeierte Schriftstellerin. 1932 erhielt sie für Sei leise, wenn du gehst (One of Ours) den Pulitzer-Preis.

Die vorliegende Sammlung umfasst acht Geschichten unterschiedlicher Länge (Novelle bis Kurzgeschichte) aus den Jahren 1904 bis 1948. Drei der durchweg neu übersetzten Geschichten (Pauls Fall, Die alte Mrs. Harris und Vor dem Frühstück) erschienen hierzulande vor Jahrzehnten, bei dem Rest handelt es sich um deutsche Erstübersetzungen. Doch kann Cather mit ihren Kurzgeschichten genauso überzeugen wie mit ihren Romanen?

Identitätssuche

Im Mittelpunkt ihrer Erzählungen steht ein bereits aus ihren Romanen vertrautes Motiv: die Suche nach einer eigenen Identität angesichts widersprüchlicher innerer und äußerer Einflüsse.

Bei ihren Figuren handelt es sich um (innere) Außenseiter, die sich ihrer Umgebung nicht zugehörig fühlen. Und nicht das Bedürfnis haben, sich anzupassen. Fest steht jedenfalls, dass ihre momentane Situation ein Problem darstellt: Entweder möchten sie weg oder zurück, und oft steht ein unüberwindbares Hindernis zwischen ihnen und ihrem Ziel.

Dies kann äußerlich verschiedene Formen annehmen: Mal sehnt sich ein Städter nach der Ruhe des Landes, mal vermisst eine Landbewohnerin die kulturelle Vielfalt der Stadt und so weiter. Tendenziell kann man sagen, dass Cather für das Leben auf dem Land nicht viel übrig hatte. Schließlich stellt sich der Verbleib auf dem Lande in ihren Geschichten oftmals als falsche Entscheidung heraus.

Leben und Schreiben

Ebenso ist es kein Geheimnis, dass Cather ihr Leben eng mit ihren Erzählungen verwoben hat. Vor allem ihre Jahre als Siedlerin in der Grenzregion Nebraska brachten sie mit vielen unterschiedlichen Themenfeldern in Berührung.

Stichwortweise genannt seien folgende – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte – Aspekte: Migration, Coming-of-Age, Emanzipation der Frauen, Clash der Kulturen und nicht zuletzt auch die Gegensätze zwischen Stadt und Land. Genaueres lässt sich dem wunderbaren Nachwort der Herausgeberin und Übersetzerin Agnes Krupp entnehmen.

Eine Sache unterscheidet sich aber doch stark von ihren Romanen und ist eher untypisch für das Format Kurzgeschichte: Ihre Figuren ziehen fast immer eine Art Bilanz des Geschehenen und nutzen dazu gerne Zeitsprünge. Dies ist einerseits natürlich interessant, andererseits reduziert dies den Nostalgie-Faktor gewaltig.

Klare und ausdrucksstarke Prosa

Handwerklich bedient sich Cather einer einfachen und klaren Sprache und berücksichtigt im Allgemeinen die Anforderungen an das Format Kurzgeschichte. Ihre wunderschönen Landschaftsbeschreibungen hat sie sogar auf ein vertretbares Maß reduziert, und oftmals suchen wir danach vergeblich.

Viele Worte sind in ihren Geschichten ohnehin nicht nötig. In bester Hemingway-Manier ist hier nicht nur wichtig, was sie niederschreibt, sondern auch, was sie nicht schreibt. Man spürt beim Lesen förmlich die Zerrissenheit ihrer Figuren. Und wie diese vergeblich nach Worten ringen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, um dann doch wieder auf einfache Umschreibungen zurückzugreifen.

Auch die Charakterisierung ihrer Figuren gelingt ihr mühelos. Mustergültig verzichtet sie auf lange Beschreibungen und sorgt dafür, dass wir ihre Figuren anhand ihrer Handlungen und Gedanken kennenlernen. Ein Schachzug, durch den wir spielerisch eine Bindung zu ihnen aufbauen können.

Was bleibt?

Der verwunschene Fels von Willa Cather stellt einen längst überfälligen Glücksfall für Freunde der amerikanischen Kurzgeschichte dar.

Handwerklich überzeugt die Autorin durch eine klare und ausdrucksstarke Prosa. Cather kennt die Regeln der Kurzgeschichte, befolgt sie an den richtigen Stellen und weicht an angemessenen Stellen von ihnen ab. Inhaltlich bekommen wir es mit dem Kanon an Themen zu tun, den wir von Willa Cather erwarten. Also Identitätssuche, Migration und das Aufeinanderprallen von Gegensätzen.

Wer ihre Romane liebt, wird auch ihre Kurzgeschichten lieben. Neueinsteigern sei – in erster Linie wegen des hohen Kaufpreises – zunächst einer ihrer Romane angeraten.

Für bibliophile Leser

Die mir vorliegende Ausgabe entstammt der Anderen Bibliothek und lässt kaum einen Wunsch offen. Neben obligatorischen Elementen wie einem Leseband, einer Fadenheftung und hochwertigen Materialien kann auch die innere Gestaltung (Christine Gundelach) überzeugen.

Wie so oft stimmt vom Satz bis zur Anordnung von Text und Gestaltungselementen alles. Ein kleiner Meckerpunkt: Der kleine und nutzlose Pappschuber, der früher immer deutlich zu klein war, ist jetzt deutlich zu groß. Na ja, irgendwas ist halt immer.

Die Übersetzung fertigte die Herausgeberin Agnes Krupp an. Diese steuerte zudem noch ein gelungenes Nachwort bei, das sowohl inhaltlich als auch stilistisch vollkommen überzeugt. Wir dürfen uns dabei nicht nur über zahlreiche Bilder freuen. Sondern erfahren auch, wie die einzelnen Geschichten mit Cathers Leben zusammenhängen. Der kurze Anmerkungsapparat stellt zudem eine hervorragende Ergänzung zur Lektüre der einzelnen Geschichten dar.

Bibliographie

Mehr Weniger

Pro/Contra

Pro
  • komplexe und vielschichtige Figuren
  • klare Prosa
  • vielfältige Themen
Contra
  • Wegen des hohen Preises nicht unbedingt für Neueinsteiger geeignet

Fazit


Der verwunschene Fels von Willa Cather bietet in Kurzform all das, was wir auch aus ihren Romanen kennen. Für Fans der Erzählungen uneingeschränkt empfehlenswert!

autorin: Willa Cather

Titel: Der verwunschene Fels

Seiten: 324

Erscheinungsdatum: s.o.

Verlag: Die Andere Bibliothek

ISBN: 9783847704683

Übersetzerin: Agnes Krup

illustratorin: Christine Gundelach

Reihe: Bd. 468

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