
Im Namen des Wolfes
von Richard Swan
24.02.2023
- Fantasy
Mit Im Namen des Wolfes von Richard Swan erscheint einer der vielversprechendsten Fantasy-Titel des diesjährigen Frühjahrsprogramms. Doch kann der Roman den hohen Erwartungen gerecht werden?
Der Untergang eines Imperiums
Das Kaiserreich Sova erschien einst unbezwingbar. Unzählige Eroberungsfeldzüge dehnten die Grenzen des Reiches immer weiter aus. Sie erweiterten das Reich sowohl wirtschaftlich als auch kulturell um neue Facetten. Für Ordnung sorgen umherziehende Richter. Ausgestattet mit kaiserlicher Autorität und magischen Fähigkeiten, sprechen und vollziehen sie Recht.
Richter Konrad Vonvalt gehört zu den loyalsten Anhängern des sovanischen Rechtssystems. Zusammen mit seiner Schreiberin Helena und seinem Vollstrecker Bressinger bereist er die jüngsten Außenbezirke des Reiches. In der Handelsstadt Galetal untersuchen sie den Mord an einer Adligen. Noch ahnen sie nicht, dass sie einer Verschwörung auf der Spur sind, die das kaiserliche Reich bedroht.
Vom Selfpublisher zum Verlagsautor
Richard Swan wuchs als Offizierssohn (Royal Air Force) auf und studierte an der University of Manchester Rechtswissenschaften. Anschließend war er mehr als zehn Jahre lang als Anwalt für Handelsstreitigkeiten tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Anfangs noch als Selfpublisher tätig, gelang ihm mit Im Namen des Wolfes (The Justice of Kings) der Durchbruch.
Faszinierende Hintergrundwelt
Swan entwirft mit dem Kaiserreich Sova eine düstere Welt, die sich verschiedenster europäischer Epochen und Kulturkreise bedient. Die militärische Organisation und die Eingliederung eroberter Staaten erinnern an das alte Rom. Die Außenbezirke weisen stärkere Bezüge zum mittelalterlichen Europa auf.
Das Justizwesen umfasst Elemente der zwei großen europäischen Rechtssysteme. So findet das System der umherziehenden Richter seine Ursprünge in den englischen „Circuit Courts“ von König Henry II. Dieser wies seine Richter im 12. Jahrhundert an, auf festgelegten Routen (daher auch der Name) durch das Land zu reisen und vor Ort Recht zu sprechen. Das Rechtssystem als solches beruht zu weiten Teilen auf geschriebenen Gesetzen und auf römisch-germanischem Recht.
Die Handlung konzentriert sich auf die Außenbezirke des Kaiserreichs. Dort zeigen sich die neuen Bürger nicht gerade begeistert ob ihres neuen Status: Zwar profitieren sie in wirtschaftlicher Hinsicht von neuen Handelsrouten und dem stabilen Rechtssystem. Doch längst nicht alle können am neuen Wohlstand teilhaben. Armut und Gewalt gehören immer noch zum Alltag und von Frauenrechten brauchen wir gar nicht erst zu sprechen.
Auch herrscht immer noch Misstrauen. Zu frisch sind die Wunden nach den jüngsten Reichskriegen und zu groß die Trauer um die Gefallenen. Für zusätzliche Spannungen sorgen religiöse Fundamentalisten. Diese möchten in den eroberten Gebieten die sovanische Staatsreligion mit Gewalt durchsetzen und die letzten Reste kultureller Identität beseitigen.
Holpriger Einstieg
Überraschend ist insbesondere die Wahl der Erzählperspektive. Wir erleben die Geschichte nicht aus der Perspektive der (vordergründigen) Hauptfigur Konrad Vonvalt. Sondern ausschließlich durch seine Schreiberin und Ich-Erzählerin Helena. Diese hat sich im gehobenen Alter entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. So erfahren wir gleich zu Beginn, dass das Kaiserreich Sova letzten Endes untergehen wird. Der Spannung tut dies keinen Abbruch.
Schließlich wissen wir nicht, wie genau dieses Ende aussehen wird und welches Schicksal die Charaktere erwartet. Der Einstieg erweist sich dabei als kleine Herausforderung. Wir werden mit unzähligen Informationshäppchen zur Welt, dem allgegenwärtigen Justizsystem und den Protagonisten bombardiert. Hinzu kommt, dass Swan zu einem langen, mit vielen Nebensätzen garnierten Satzbau neigt und auch in seinen Dialogen nur selten davon abweicht.
Justiz-Krimi im Fantasy-Gewand
Haben wir uns mit der Welt und dem Erzählstil vertraut gemacht, dann erwartet uns ein spannender Justiz-Krimi. In Swans Welt vereinen ein Richter die Rollen von Polizei, Staatsanwalt und Richter. So begleiten wir Helena und Konrad bei ihren Ermittlungen im oben erwähnten Mordfall.
Richard Swan versteht es, den Fall mit zahlreichen Wendungen abwechslungsreich und spannend zu gestalten. Freunde der Justiz werden sich zudem an Prozessvorbereitungen und nächtelangen Recherchen erfreuen – keine Angst, nur in homöopathischen Dosen. Gewalt und Action sind – wohldosiert – Bestandteil der Handlung. Wenn, dann aber mit voller Wucht.
Fantasy-Elemente sind in dieser Welt zurückhaltend integriert und beschränken sich auf ausgewählte magische Fähigkeiten. Swan hält sich mit Erklärungen zurück, doch grundsätzlich scheint Magie eine erlernbare Fähigkeit zu sein. So nutzen die Richter die Kaiserstimme. Mit deren Hilfe können sie Menschen zwingen, die Wahrheit zu sprechen oder ihren Befehlen zu gehorchen.
Unbegrenzte Macht verleihen diese Fähigkeiten nicht: Die meisten Richter können nicht mehr als zwei Fähigkeiten erlernen und jeder Einsatz ist mit größten körperlichen Anstrengungen verbunden. Auch ist es mit entsprechendem Wissen jedem möglich, sich der Wirkung der Magie zu entziehen.
Eine Erzählerin zwischen den Welten
Für den Roman erweist es sich als Glücksgriff, dass er aus der Perspektive der jungen Helena erzählt wird. Sie ist zu Beginn 19 Jahre alt und hat eine Vergangenheit als Waise und Streunerin hinter sich. Als Außenstehende ist sie in der Lage, althergebrachte Sichtweisen zu hinterfragen.
Ist das sovanische System wirklich so gerecht, wie es sich für einen gesetzestreuen Advokaten wie Konrad darstellt? Hinzu kommt, dass sie aufgrund ihres Alters das größte Entwicklungspotential aufweist. Im Gegensatz zu Konrad neigt sie zu vielen Fehltritten, die sie in spannende Situationen versetzen.
Judge Dredd + Geralt + Jurist = ?
Konrad Vonvalt, weckt erst in der zweiten Hälfte unser Interesse. Er erinnert an eine Mischung aus Judge Dredd und dem Hexer Geralt und wäre die Idealbesetzung für einen Actionroman. Aufgrund seines gesetzestreuen Charakters zeigt er jedoch nur selten seine Fähigkeiten. Und so würden wir uns wohl langweilen, wenn wir mit Vonvalt stundenlang Protokolle wälzen und Gerichtsverfahren vorbereiten.
Die Gründe finden wir in seiner Vergangenheit: Als Jugendlicher machte er in den Reichskriegen traumatische Kriegserfahrungen. Diese kompensiert er durch eine gesetzestreue Haltung. Schließlich gäbe es sonst nichts, was seine Taten rechtfertigen könnte. Wie zerbrechlich sein Schutzschild ist, zeigt sich im weiteren Verlauf. Kann er die Gesetze brechen, die er seit Jahrzehnten eisern verteidigt, um das Reich zu retten? Ist er bereit, einen so wichtigen Teil seiner Identität aufzugeben? Und wenn ja, was macht das dann mit ihm?
Die Beziehung zwischen Konrad und Helena erinnert in gewisser Hinsicht an das Verhältnis von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Etwa aufgrund des Krimi-Hintergrunds und der Wahl der Erzählperspektive. Doch im Gegensatz zu Watson ist Helena nicht nur Stichwortgeberin, sondern nimmt aktiv am Geschehen teil.
Interessante Nebenfiguren – schwache Antagonisten
Daneben erwarten uns interessante Nebenfiguren, die die Welt mit Leben füllen. Beispielhaft genannt seien Richterin August, Junker Radomir und der Vollstrecker Dubine Bressinger. Weniger gelungen sind die Antagonisten. Dass es letztlich um religiöse Verstrickungen und das Streben nach Macht geht – geschenkt. Doch dann erwarte ich wenigstens besser ausgearbeitete Gegenspieler und nicht einfach das Klischee eines fanatischen Priesters.
Was bleibt?
Im Namen des Wolfes von Richard Swan wird den hohen Erwartungen gerecht. Der Roman überzeugt durch eine packende Handlung mit starkem Justiz-Krimi-Einschlag, interessante Charaktere und eine faszinierende Hintergrundwelt. Einzig die Ausarbeitung der Antagonisten ist ausbaufähig.
Richard Swan bringt mit moralischen und juristischen Fragestellungen frischen Wind ins Fantasy-Genre. Wer auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Fantasy-Roman ist und solchen Fragen nicht abgeneigt ist, der sollte einen Blick auf dieses Buch werfen.
Schönes Paperback – Übersetzung mit Schwächen
Die deutsche Ausgabe ist im Piper Verlag beheimatet und erfüllt die Erwartungen, die ein höherpreisiges Paperback stellt. Im Vorsatz beziehungsweise Nachsatz finden wir eine Karte des sovanischen Reiches, die zur Orientierung hilfreich ist. Das äußerst stimmige Cover-Motiv wurde von Martina Fačková gezeichnet, deren weitere Werke man an dieser Stelle bewundern kann.
Die Übersetzung stammt von Simon Weinert und kann zu weiten Teilen überzeugen. Insbesondere hat er es geschafft, die vielen juristisch geprägten Begriffe leserfreundlich zu übersetzen. Anlass zur Kritik bietet lediglich eine Kleinigkeit: die konsequente Eindeutschung der (Adels-)Titel. Im Original haben wir es mit Sir Konrad Vonvalt zu tun, in der deutschen Übersetzung mit Junker Konrad.
Auch wenn die Übersetzung inhaltlich korrekt sein mag, passt der Klang überhaupt nicht in diese Welt. Zumal das sovanische Reich tendenziell stärker römisch als deutsch geprägt ist. Dass Adelige konsequent mit „Edler“ angesprochen werden, sorgt für zusätzliche Irritationen. Etwa wenn eine wichtige Nebenfigur ununterbrochen Edler Bauer genannt wird
Pro/Contra
Pro
- Die juristischen Elemente bringen frischen Wind ins Fantasy-Genre
- Liebevoll ausgearbeitetes und sympathisches Figurenensemble
- Faszinierende Hintergrundwelt
Contra
- Blasse Antagonisten
Fazit
Im Namen des Wolfes von Richard Swan bringt mit juristischen Fragestellungen und einem starken Krimi-Einschlag frischen Wind ins Fantasy-Genre.
autor: Richard Swan
Titel: Im Namen des Wolfes
Seiten: 526
Erscheinungsdatum: 2022
Verlag: Piper Verlag
ISBN: 9783492706612
Übersetzer: Simon Weinert
illustratoren: –
Reihe: Die Chroniken von Sova (1)
Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt









